von Britta / Thema: Kultur / am 26. Mai 2017um10:00

Unerwartet lebendig: Die Fotografien von Sam Shaw in der LUDWIGGALERIE

Sonnentage sind ja schön und gut, in der Sonne liegen und nichts tun hat gewiss seinen Reiz. Aber für jeden (wie mich), der zwischendurch ein kühles und schattiges Örtchen sucht und dem das Rumliegen irgendwann langweilig wird, für den habe ich einen Tipp: Ein Besuch im Museum schafft Abhilfe.

Vis-à-vis dem Fotojournalisten Sam Shaw

Vis-à-vis dem Fotojournalisten Sam Shaw

Ich flüchte also vor der Hitze in die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen und frage mich beim Betrachten der Bilder des New Yorker Fotografen Sam Shaw (1912-1999), ob Marilyn Monroe wohl auch auf der Suche nach etwas Abkühlung war, als Shaw das weltberühmte Bild von ihr schoss, auf dem ihr Plisseerock von den Luftströmen des U-Bahnschachts durch die Luft gewirbelt wird…

Verrückt: Eine komplette Story in einem Foto

Stars und Sternchen interessierten Shaw aber zu Beginn seines Werdegangs offensichtlich weniger. Die Ausstellung führt mir anhand der rund 230 ausgewählten Schwarz-Weiß-Aufnahmen eindrücklich vor Augen, dass es ihm vor allem darum ging, mit Momentaufnahmen ganze Geschichten zu erzählen. Die vielen Fotografien zeigen, dass ihm dafür die Gesichter des amerikanischen Alltags in den 1940er Jahren ebenso dienten, wie die von Schauspielern, Künstlern und Intellektuellen, die er im Laufe seines Lebens kennenlernte.

Das Fenster zur Welt

In Schaukästen liegen Originale des „LIFE“-Magazins aus. Bis der Fernseher in die amerikanischen Haushalte einkehrte, war dieses Magazin für die Amerikaner über Jahrzehnte das Fenster zur Welt. Es revolutionierte den Journalismus: Nicht mehr das geschriebene Wort lieferte die Story, sondern das Bild. Wie könnten da also Sam Shaws Fotografien fehlen? Dass seine Aufnahmen zahlreiche Cover dieser Zeitschriften zieren, ist der Beweis: Shaw gehörte zu den ganz Großen des Bildjournalismus. Tipp: Fangt in der 1. Etage an – die Ebene widmet sich nämlich dem Thema „Fotojournalismus“. Dann versteht Ihr, wie Shaw das macht mit dem Geschichtenerzählen in Fotos.

Sam Shaws Fotografien im und auf dem LIFE Magazine

Sam Shaws Fotografien im und auf dem LIFE Magazine

Das Unerwartete suchen und finden

Ich finde, dass die besten Storys immer mit Menschen zu tun haben. Da sind Shaw und ich uns einig. Denn er vermutete in jeder noch so alltäglichen Begegnung das Potential für ein visuelles Abenteuer. Er war stets auf der Suche nach dem Unerwarteten. Er hielt die spontane und unvermittelte Geste, den Ausdruck, die Handlung der Menschen immer genau in dem Augenblick fest, wenn sich darin eine ganze Assoziationskette vereinte. Das muss man erst einmal hinbekommen… Genau aus dieser Idee heraus haben die Ausstellungsmacher jedenfalls den Titel für ihre Schau gewählt: „Finding the Unexpected“.

Auf 3 Etagen: 60 Jahre Fotografie von Sam Shaw

Auf 3 Etagen: 60 Jahre Fotografie von Sam Shaw

Ein bisschen Kunstgeschichte

Es folgt ein klitzekleiner kunsthistorischer Exkurs, damit Ihr versteht, vor welchem geschichtlichen Hintergrund Shaw arbeitete: In den USA der 1950er und 1960er Jahren war der so genannte Human Interest ein zentrales Thema der Bildreportage. Dabei ist die Auseinandersetzung des Fotografen mit der sozialen und politischen Situation immer mehr als reine Dokumentation: Bilder werden zum politischen oder sozialkritischen Kommentar, erzählen eine Geschichte – sind also interpretierbar (≠ dokumentarisch). Politisch war Shaw eher uninteressiert. Von der Idee des Human Interest – fängt es an, mir einzuleuchten – war er jedoch offensichtlich inspiriert. Im engsten Sinne greifen nur wenige Serien Shaws ein politisches Thema auf. In der Ausstellung stehe ich jedoch vor einer Bildserie wahrscheinlich genau deshalb etwas länger: Die Reportage über den Wahlkampf des Senators von Mississippi, Theodore G. Bilbao, der an die „Überlegenheit der Weißen“ glaubte, ist auf jeden Fall ein politisches Statement Shaws. Es macht mich nachdenklich: Obwohl die Fotos vor über 70 Jahren entstanden sind, ist das Thema irgendwie ja immer noch nicht Vergangenheit…

Sam Shaw, Sheriff vor einem Wahllokal, Mississippi 1946

Sam Shaw, Sheriff vor einem Wahllokal, Mississippi 1946 © Sam Shaw Inc.- www.shawfamilyarchiv

Supereindrücklich: Das Bild von Satchel Paige

Mir geht es beim Betrachten der einzelnen Fotografien von Shaw immer so, als könnte ich mir genau vorstellen, was in der Sekunde vorm Festhalten des Moments passiert sein muss, und was danach. Um die einzelnen Aufnahmen herum entfaltet sich vor meinem inneren Auge eine ganze Abfolge von möglichen Handlungen oder Bewegungsabläufen: Supereindrücklich ist das Bild des Baseballspielers Satchel Paige, der im Begriff ist, den Ball zu pitchen. Gleichzeitig meint man, ihn aber auch den Ball zurückführen und das Bein heben zu sehen, und stellt sich vor, wie im nächsten Moment sein Arm nach vorne schnellt und der Ball mit dem Schwung und der Kraft seines Körpers abgeworfen wird.

Sam Shaw, Leroy Robert (“Satchel”) Paige, New York City Ende der 40er Jahre © Sam Shaw Inc. - www.shawfamilyarchives.com

Sam Shaw, Leroy Robert (“Satchel”) Paige, New York City Ende der 40er Jahre © Sam Shaw Inc. – www.shawfamilyarchives.com

Der Film ist seine Leidenschaft

Weshalb ich mir diesen Film vor den meisten von Shaws Bildern fahre? Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass die große Leidenschaft Shaws dem Film galt – und diese beeinflusste seine Arbeitsweise offenbar immens. Seine Fotografien – wohlgemerkt Momentaufnahmen – wirken unerwartet lebendig. Wie der Zufall es wollte, wurde Shaw mit zunehmender Bekanntheit auch für Aufträge als Standfotograf (das sind die, die bei Film- und Fernsehproduktionen Bilder der Szenen machen) engagiert. Seine Arbeit am Set wird auf der 2. Etage der LUDWIGGALERIE präsentiert.

Der Sommerhitze sei Dank

Der Clou an diesen Aufträgen: Dabei lernte Shaw die Stars kennen und freundete sich mit vielen von ihnen an. Eine besondere Freundschaft pflegte er zu Marilyn Monroe – in einem Schaukasten im Erdgeschoss der Galerie sind Briefwechsel zwischen dem Fotografen und der Filmikone zu sehen, die zeigen, wie vertraut die beiden miteinander waren. So kamen sie auch während des Drehs von „Das verflixte 7. Jahr“ auf die unanständige Idee, ein Bild von Monroe auf dem U-Bahnschacht zu arrangieren. Wohl wissend: Der Rock wird fliegen! Und wisst Ihr was? Es war die Sommerhitze, die Monroe dazu veranlasste, sich nicht schnell, wie jede anständige Frau der 1950er Jahre es getan hätte, den Rock wieder zurechtzulegen, sondern in heller Freude zu rufen „Isn’t it delicious?“. Und dieser Hitze ist es dann wohl auch zu danken, dass unerwarteter Weise eine der komponiertesten Fotografien Shaws seine wohl berühmteste wurde.

Alle Röcke fliegen hoch – oder zumindest der von Marylin Monroe © Sam Shaw Inc. – www.shawfamilyarchives.com

Alle Röcke fliegen hoch – oder zumindest der von Marilyn Monroe © Sam Shaw Inc. – www.shawfamilyarchives.com

Also: Ab in den Schatten und „Finding the Unexpected“ ansehen. Oder einen Luftschacht suchen. Die Ausstellung ist noch bis zum 17. September 2017 zu sehen.

P.S. Ich empfehle den Besuch der Ausstellung auch bei Regen!

P.P.S. Es gibt ein Kombi-Ticket für LUDWIGGALERIE und den Gasometer in Oberhausen. Falls Ihr euch inspirieren lassen möchtet, meine Kollegin Heike war schon dort, und berichtet über die Ausstellung „Wunder der Natur“.

Allgemeine Informationen

LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen

Die LUDWIGGALERIE gehört zu den 20 RuhrKunstMuseen.

LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen
Konrad-Adenauer-Allee 46
46049 Oberhausen
Tel.: + 49 208 412 492 8
Fax_ +49 208 412 491 3
E-Mail: ludwiggalerie@oberhausen.de
Website: www.ludwiggalerie.de
Ausstellung: www.ludwiggalerie.de/ausstellungen
Facebook: www.facebook.com/LUDWIGGALERIE



Britta Ein Artikel von

Ich bin Britta und als Kunsthistorikerin die Kulturtante im Autorenteam. Nichts läge also näher, als dass ich für und mit Euch das Ruhrgebiet als Kulturgebiet entdecke. Ins Museum oder Theater zu gehen ist ja irgendwie immer ein Abenteuer. Man muss sich schon trauen... und nicht selten frage auch ich mich: Was will der Künstler mir sagen? Und ab dann wird es doch – finde ich – erst richtig spannend. Das Allerbeste: Im Ruhrgebiet gibt es die geballte Ladung an Möglichkeiten, solche Momente zu erleben. Bei Ruhr Tourismus bin ich für die Pressearbeit und das Eventmarketing der Kulturnetzwerke RuhrKunstMuseen und RuhrBühnen verantwortlich.

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