von Frauke | 20. Juni 2021 | KATEGORIEN Kultur | 0 Kommentare

Ein Jahr lang kultureller Entzug: keine Festivals, keine Konzerte, keine Live-Inszenierungen. Meine Museumsbesuche kann ich auch an einer Hand abzählen. So haben sich meine Kollegin Alessandra und ich euphorisch hingesetzt und einen Kulturtag durchs Ruhrgebiet zusammengestellt – von Gelsenkirchen über Duisburg nach Moers. Zu viel oder genau richtig?

Ein bisschen RuhrDing fürs Klima

Ob Skulpturenparks, Biennalen oder Gallery Weekend – „Count me in!” Denn ich habe zugegebener Maßen eine Schwäche für Ausstellungen, die wie eine Schnitzeljagd funktionieren. Als ich also von dem neuen Projekt von Urbane Künste Ruhr gelesen habe, war ich sofort Feuer und Flamme: RuhrDing: Klima  ist eine Ausstellung, die sich mit 22 Kunstwerken über Herne, Gelsenkirchen, Recklinghausen und Haltern am See erstreckt. Alles, was man braucht, ist ein Tagesticket, das vorher online gebucht wird und zudem kostenlos ist. Mit dem Wisch in der Tasche hab ich mich nach Gelsenkirchen aufgemacht, wo es gleich drei Kunstwerke zu bestaunen gibt:

Tierpräparate in schrillem Retropavillon

An der Bokermühlstraße 67 steht selbstbewusst individuell ein 50er-Jahre-Pavillon. Das Glasgebäude wird derzeit von dem Künstlerduo Alisa Hecke und Julian Rauter bespielt. In der Ausstellung „Der lange Abschied“ dreht sich alles um Tierpräparation! Ein Video zeigt, wie eine Katze ausgestopft wird; selbige beobachtet einen – tot und doch vital – aus der linken Nische heraus. Ergänzt wird das Arrangement von zwei Eulen; die einzigen Tiere, welche aus dem Fundus des Bochumer Gasthaus ‚Zur Uhle‘ übrig geblieben sind. Entsprechend des übergeordneten Klimathemas geht es hier konkret auch um die Beziehung Mensch-Tier und das Artensterben.

Ich muss zugeben, dass ich mir über dieses Handwerk und die damit einhergehende Gefühlswelt noch nie Gedanken gemacht habe! Mein Ekel vor ausgestopften Tieren hat sich dadurch nicht gelegt. Als Vegetarierin ist das wahrlich schwer verdauliche Kost, vor allem am frühen Morgen. Abgefahren ist jedoch die Inszenierung des Ganzen! Der Szenograph Franz Thöricht hat den Pavillon mit türkisfarbenen Vorhängen gekleidet, ergänzt durch einen gleichfarbigen Teppichboden. Man muss sich Pantoffel über die Treter stülpen, was verdeutlicht, dass man eine Art Andachtsraum betritt. Das Gebotene wird so in ein Blaulicht getaucht, welches einen skurrilen Kontrast zum Thema bildet. Das Gebäude mit Kioskcharme erhält dadurch einen edlen und zugleich schrillen „Vintage-Anstrich“! Diese Kunststation ist auf alle Fälle ein Besuch wert und war ein erstklassiger Kulturstart!

Simpel und doch mächtig – der Forecast

Am Hauptbahnhof Gelsenkirchen findet sich neben Paul Sochackis Ghost (ein Geist, der durch die Nutzung einer App auf der Straße erscheint und auch in anderen Städten anzutreffen ist), eine dreiteilige Installation des US-amerikanischen Künstlers Ari Benjamin Meyer. In einem Ladenlokal trifft man auf einen roten Neonschriftzug: „Forecast“ (Vorhersage oder Prognose). Begleitet wird die Lichtinstallation von einer einstündigen Sound- und Textkomposition. Eine Frauenstimme berichtet darin auf verschiedenen Zeitebenen von Wettervorhersagen, Klimakatastrophen und Schicksalen verschiedener Protagonist*innen. Die geschilderten Szenarien in Verbindung mit dem Klimawandel werden immer unheimlicher, die orchestrierte Klangcollage immer lauter, das Kunstwerk immer eindrücklicher. Durch die Glasscheibe kann man die Menschen draußen beobachten, welche nichts von den Vorhersagen mitbekommen: ein Paar setzt sich mit dem Wurstbrötchen direkt vors Schaufenster, eine Plastiktüte weht am Eingang des Hauptbahnhofs vorbei. Über der Einkaufsstraße hat der Künstler drei Plakate angebracht: „Always Rehearsing Never Performing“. Das sitzt…gedankenversunken steige ich in den Zug nach Duisburg ein.

Meditative Auszeit im Museum DKM in Duisburg

Nach dem starken Tobak freue ich mich auf „Linien Stiller Schönheit“ – so der Beiname des Museum DKM, wo ich meine Kollegin Alessandra treffe. Wir sind mit dem Direktor und Mitbegründer Klaus Maas verabredet, der uns eine Führung durch das Haus angeboten hat. Das 2009 eröffnete Museum ist als Privatsammlung ein Unikat unter den 21 RuhrKunstMuseen. Herr Maas hat mit zeitgenössischer Kunst ab den 60er Jahren aus der Region angefangen, sein Partner Dirk Krämer hat das Sammlungsinteresse für ost-asiatische sowie alt-ägyptische Kunst geweckt. In 51 Räumen gibt es viel zu entdecken, unter anderem den größten, sich außerhalb von China befindenden Buddha-Kopf. Um diesen zu bestaunen, braucht es ein bisschen Mut – in einem dunklen Schacht (ehemals Treppenhaus) wacht sein Kopf erhaben von der Decke. Auffallend sind neben den ruhigen Formen die neutralen Farben, die den meisten Kunstwerken gemein sind. Herr Maas führt dies sympathisch lächelnd auf seine Rot-Grün-Sehschwäche zurück. Doch passt es insgesamt einfach sehr gut.

Luciver‘s Vortex – Zen einer Bildgewalt

Dann kamen wir zu den Arbeiten, welche ausschlaggebend für unseren Besuch gewesen sind: die Einzelausstellung Lucifer’s Vortex“  des Künstlers Tom Fecht. Benannt ist sie nach dem zentralen Werk, das uns schon auf den Ankündigungen aufgefallen ist. In Realo sieht es noch besser aus. Doch dann bat uns Herr Maas kurz zu warten und verschwand um die Ecke. „Und dann hat es Boom gemacht!“ – Herr Maas hatte einen Schalter betätigt und das Werk strahlte uns in all seinen verwirbelten Farben und Strukturen entgegen. Es wird von hinten beleuchtet und kommt so erst zu seiner vollen Wirkung. Weitere Meeresstudien werden präsentiert. Auf anderen Arbeiten hält der Schweizer Fotograf den Sternenhimmel fest. „Alles Bilder, in denen man sich verlieren kann!“, wie Alessandra kommentiert.

Harmonie und Stille

In dem Privatmuseum kann die Kunst atmen, alles im Raum wirken. Die Ausstellungshallen sind nicht überladen und die lichtdurchflutete Architektur tut das ihre. „Meditation pur!“, wie Herr Maas richtig formuliert. Sogar auf der Toilette begleitet einen Vogelgezwitscher! Das Museum DKM ist sozusagen eine Oase der Ruhe und Kulturperle mitten in der Stadt – versteckt, aber umso schöner. Obwohl ich nun schon viel Kunst konsumiert habe, bin ich nicht erschöpft! Aber hungrig, weshalb wir uns in ein Café aufmachen.

Kulinarischer Genuss im Evergreen

In der Duisburger Innenstadt gibt es einiges an Auswahl für eine Kaffeepause. Am Evergreen hat uns vor allem die ruhige Straße, schöne Deko und große Auswahl an veganen Kuchen überzeugt. Zudem ist der Service sehr persönlich und Extrawünsche kein Problem. Auch hier hieß es dann Gönnung: Cupcake, Kuchen Bagel, Limo und Cappuccino – was das Herz, oder in diesem Fall Magen und Hirn, begehren. Mit der Stärkung ging es weiter nach Moers zu unserem Theaterabend.

Frauen in Moers – Männer im Wald

Moers war für mich Neuland, für Alessandra Heimspiel. So konnte sie mir einiges zeigen und ich muss sagen: die Stadt hat mich überrascht! In der Altstadt findet man weniger Ruhrcharme, als vielmehr Gassen, die mich an Städte meiner Heimat Bayern erinnern. Viele nette Lokale und Shops reihen sich im Viertel rund um die Pfefferstraße. Auch der Park ist in unmittelbarer Nähe und Kunst ist quasi überall – sogar als Baustellenabdeckung.

Das Bild zeigt Kunst in Moers
Auch Kunst begleitet unseren Spaziergang.
Sogar eine Baustelle ist kreativ abgedeckt

Nach dem kleinen Spaziergang ging es ins Wallzentrum, wo das Schlosstheater Moers aktuell das Stück Männer allein im Wald“   inszeniert. Schon beim Betreten der ehemaligen Einkaufspassage war klar: das wird cool! Einzelne Ladenräume sind zu kleinen Bühnen umfunktioniert – mit Lametta, Baumstümpfen, Energydrink-Dosen und vielem mehr. Über den Schaufenstern steht „Men’s World“ – so heißt der Infotainmentpark, in dem die letzten noch lebenden Männer verweilen und der mir für den Rest des Abends einen Ohrwurm garantierte.

Das Bild zeigt Frauke in Moers
Frau(ke)swelt oder Männerwelt?

Sie haben den Klappstuhl ausgegraben

An der Kasse erhielten wir Kopfhörer, eine Laufroute und für den komfortablen Sitz auch Klappstühle. Mittels farblicher Markierung konnten wir unsere Kleingruppe identifizieren, mit welcher wir die einzelnen Stationen in vorgegebener Reihenfolge besuchten. Zuerst erzählte uns ein Meerjungmann seine Geschichte, dann ein Astronaut, ein Cowboy, ein Elvis-Impersonator und letztlich Hulk. Immer wieder stellten die Protagonist*innen Fragen nach Männlichkeit, Macht und das Aussterben der Wälder.

Das Bild zeigt eine Aufführung in Moers
Männer allein im Wald: Mit Headset, Routenplan und
Klappstühlen positionieren wir uns vor dem jeweiligen Bühnengeschehen

Die Texte basieren auf Interviews, die die Regisseurin Susanne Zaun mit unterschiedlichen Männern bei Waldspaziergängen geführt hat. Die Monologe sind phänomenal! Sie regen zu neuen Gedanken über patriarchale und kapitalistische Strukturen an, ohne schwerfällig zu werden. Verpackt ist das Ganze in ein buntes, schrilles Bühnenbild, welches an so vielen Stellen überrascht! Auch die Outfits sind der Hammer – bei der leuchtenden Cowboyjacke meldet sich meine innere Stimme heute noch mit „Komm zu mir!“

Endlich wieder Theater

Der Parcoursaufbau, den sich das Schlosstheater Moers nicht zuletzt aus Gründen der Pandemie zu eigen gemacht hat, ist eine besondere Art des Theatererlebnisses und macht unglaublich viel Spaß! Die Nähe zu den Darsteller*innen ist nicht allein durch die Distanz von gerade Mal einem Meter gegeben. Die visuelle und emotionale Bindung zum Bühnengeschehen ist nach dieser langen Zeit ohne Liveerlebnis mehr als intensiv. Da reißen einen nicht Mal die Kinder raus, welche durch die Einkaufspassage mit Inlineskates fahren. Sorry, aber genau das kann Netflix eben einfach nicht!

Das Bild zeigt Matthias Heße
Hulk (Matthias Heße) macht gerne Hausarbeit, Foto: Jakob Studnar

Einmal Kulturtag mit allem – mein Fazit

Mein erster Kulturtag nach Lockdown begann sozusagen mit einem systemkritischen Parcours und endete mit einem solchen. Dazwischen meditativer Museumsgenuss und umweltfreundlicher Kuchenschmaus. Für den einen oder die andere mag das Programm zu viel sein und das verstehe ich! Auch ich würde das nächste Mal vielleicht nur die Hälfte machen. Aber ein Jahr Entzug muss eben gebührend nachgeholt werden und war daher für den Anfang genau richtig. Nach 14 Stunden „Kultruhrtag“ falle ich also hundetotmüde ins Bett – aber mit einem Lächeln und viel Balsam für die Seele!

 

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