von Britta / Thema: Kultur, Rad / am 25. Juli 2018um17:20

Kunstgenuss gegen Wadenkraft – Per Rad auf den Wegen von Kunst & Kohle

Ich gebe es zu, ich bin nicht der größte Radsportler. Aber ein Kunstfan. Und deshalb will ich unbedingt eine der Radtouren ausprobieren, die zu den Kunst & Kohle-Ausstellungen der RuhrKunstMuseen für das radrevier.ruhr konzipiert wurden. Da es dieser Tage ziemlich warm ist – und ich wirklich Respekt vor langem Fahrradfahren habe – entscheide ich mich ganz kleinlaut für die Route Nummer 1. Die misst mit einer Länge von circa 30 Kilometern die kürzeste Wegstrecke unter den angebotenen Tourenvorschlägen. Ich bin optimistisch. Das schaffen mein Drahtesel und ich ganz gewiss.

Das Foto zeigt zwei Fahhräder vor Industriekulisse im Ruhrgebiet

Radwege im radrevier.ruhr führen vorbei an Industriekultur und Kunst

Auf den Wegen und der Wandlung der Kohle zu drei RuhrKunstMuseen

„Wege und Wandlung der Kohle“ – so lautet das Motto der Wegführung, die das Emschertal-Museum Herne, das Kunstmuseum Bochum und die Flottmann-Hallen in Herne miteinander verbindet. Startpunkt der heutigen Tour: Schloss Strünkede in Herne, das dem Emschertal-Museum seinen Beitrag zum Ausstellungsprojekt Kunst & Kohle ermöglicht. Hier treffe ich zum ersten Mal live auf das vom ghanaischen Künstler Ibrahim Mahama mit Jutesäcken behangene Schloss, von dem ich schon so viel gelesen und so viele Fotos gesehen habe. Aber um ehrlich zu sein: Es unmittelbar zu erleben, macht Eindruck. Ich empfehle Euch auch einmal um den See herumzufahren und das Kunstwerk von allen Seiten zu betrachten. Beeindruckend! Und um den Entstehungsprozess dieser aufsehenerregenden Kunstaktion nachzuvollziehen, solltet ihr das Rad kurz parken und Euch in den historischen Gemäuern die ausgestellten Skizzen und Foto- und Videoaufnahmen anschauen. Mit dem Kombi-Ticket ist der Eintritt kostenlos.

Auf dem Rad entlang des Rhein-Herne-Kanals den Sommer genießen

Bis hierher bin ich heute wenig Rad gefahren. Der Weg vom Hauptbahnhof in Herne zum Schloss ist kurz und führt über breite Radwege entlang der Straße. Der Part ist perfekt zum Eingewöhnen für jemanden wie mich, der das Rad nur als Alternative zum Auto innerhalb der eigenen Stadtgrenzen nutzt. Aber ich muss sagen: Der Teil der Strecke, der nach dem Besuch des Schloss Strünkede nun entlang des Rhein-Herne-Kanals durch das radrevier.ruhr führt, gefällt mir richtig gut. Die Sonne scheint, eine Sommerbrise weht um meine Nase, Licht und Schattenspiel der Bäume auf dem Weg – feiner könnte ein Sommertag im Ruhrgebiet nicht sein. Und das Beste: Es warten ja noch zwei weitere Ausstellungen auf mich.

Das Foto zeigt zwei Fahhräder am Rhein-Herne-Kanal

Radeln entlang des Rhein-Herne-Kanals: Eine wahre Freude

Der Hafen Wanne-West: Heute ein Ort für Spaß und Freizeit, früher für harte Arbeit

Auf dem Weg zum Kunstmuseum Bochum führt uns die Route zum Hafen Wanne-West. An den Ufern des Hafens tummeln sich viele Sonnenanbeter und genießen das tolle Wetter. Auf dem Kanal schippern Ausflugsschiffe und kleine Boote, aber auch das ein oder andere Lastenschiff ist zu sehen. Auch radele ich immer wieder an kleineren Industrieanlagen und modernen Logistikzentren vorbei und kann erahnen, dass dieser Ort, der heute so stark von Freizeitaktivitäten geprägt ist, lange Jahre eine ganz andere Funktion hatte. Früher war hier nicht nur der größte Kohle-Umschlaghafen am Rhein-Herne-Kanal beheimatet, sondern wurden auch Erz oder Holz aus- und eingeladen. Die Kohle gelangte aus den Bergwerken der Umgebung hierher, um in die Welt transportiert zu werden.

Immer, wenn es geht: Einfach rollen lassen

Wenn ich bedenke, worum es Ibrahim Mahama in seinem Werk Coal Market am Schloss Strünkede geht – nämlich mittels der Jutesäcke als landestypisches Verpackungsmaterial auf die Wegstrecken des Transports von Kohle und anderen Lebensmitteln unter menschenunwürdigen Bedingungen aufmerksam zu machen – erkenne ich so langsam den roten Faden der Tour: Die (Transport)Wege, die die Kohle nimmt, stehen heute im Fokus. Mein Transportmittel hingegen fordert mir mittlerweile einiges ab. Aber ich bin tapfer und trete emsig weiter in meine Pedale auf dem Weg zum nächsten Zwischenstopp. Und immer, wenn es geht: Rollen lassen.

Das Foto zeigt eine Bahntrasse im radrevier.ruhr

Das radrevier.ruhr: Befestigte Radwege, wo man nur schaut

Westfälisches Industriemuseum in der ehemaligen Zeche Hannover

Entlang des Hüller Bachs führt uns Komoot – das ist die Navigations-App, die wir benutzen – zum ehemaligen Steinkohlebergwerk Zeche Hannover. Der wuchtige Malakow-Turm blitzt schon einmal kurz zwischen einigen Bäumen auf, bevor wir eine größere Schleife nehmen und dann endlich auf das alte Zechengelände gelangen. Ein bisschen erinnert die Architektur an eine Festungsanlage. In den Mauern ist heute das Westfälische Industriemuseum beheimatet, das seit einigen Jahren Kultur statt Kohle fördert. Den Besuch haben wir übersprungen. Ich will zur nächsten Kunst & Kohle-Ausstellung.

Das Foto zeigt die Zeche Hannover in Bochum

Die Zeche Hannover in Bochum – monumental!

Unerwartete Sperrung führt auf Umwege

Im Vertrauen auf die Technik folgen wir also weiter der Navigation durch die App Komoot. Dieses Mal geht es schon ganz gut bergauf. Was die App nicht wissen kann, mein Muskeleinsatz bleibt unbelohnt: Wegsperrung wegen Brückenschäden. Das kennt man im Ruhrgebiet. Wir nehmen es mit Humor und gehen der Rad-Navigations-App fremd. Google Maps muss ran.

Nun radeln wir auf anderen Wegen, zwar nicht mehr durch die Natur, aber in Wanne-Eickel gibt es schmucke Häuschen, die auf den Bergbau zurückzuführen und ebenfalls ein Foto wert sind!

Das Foto zeigt Zechenhäuschen in Wanne-Eickel

Zechenhäuschen in Wanne-Eickel

Nächstes Kunsterlebnis im Kunstmuseum Bochum

Es ist geschafft, wir erreichen über Umwege und nicht zuletzt wegen der sehr hohen Temperaturen etwas erschöpft das Kunstmuseum in Bochum.

Das Foto zeigt das Kunstmuseum Bochum

Angekommen am Kunstmuseum Bochum und der Ausstellung von Andreas Golinski

Hier inszeniert der Künstler Andreas Golinski auf zwei Etagen seinen Beitrag zum Ausstellungsprojekt Kunst & Kohle. Ihn fasziniert die Frage nach dem Unheimlichen, dem Unbekannten, dem was sich unserer Wahrnehmung entzieht, dem Erdinneren und utopischen Ideen. In diese Faszination führen mich die abgedunkelten Ausstellungsräume ein. Meine heute so stark vom Sonnenlicht verwöhnten Augen müssen sich zuerst an die Düsternis gewöhnen. Und dann daran, wie Golinki seine Kunst präsentiert: Kunstwerke stehen lapidar in einer Ecke, oder liegen im Weg. Man stolpert buchstäblich über sie oder stellt sich die ketzerische Frage: „Ist das Kunst, oder kann das weg?“. Aber genau darauf legt es Golinksi an: Er hinterfragt unsere Wahrnehmungsmuster und unsere Sehgewohnheiten im Museumskontext. Er führt uns Betrachter im übertragenden Sinne auf ungewohntes Terrain. Wir tappen ein wenig im Dunkeln. Bilder hängen nicht an Wänden, sie liegen auf Tischen, oder sind dem Boden näher als der üblichen Augenhöhe. Das Museum wird ein Erlebnisort.

Das Foto zeigt Werke von Andreas Golinksi, der die musealen Präsentationsmuster durchbricht

Andreas Golinksi durchbricht die musealen Präsentationsmuster

Aus der Dunkelheit steige ich auf ins Licht. Der Weg, den die Kohle nimmt, wird so ganz subtil nachgezeichnet. Die Ausstellung führt mich unweigerlich in einen Raum, der lichter nicht sein könnte: Kunst auf Sockeln – das ist eine übliche Präsentationsform. Das, was Golinski hier aufsockelt jedoch, ist keine klassische Skulpturensammlung, sondern eine aus Altmetallresten. Immer wieder wird in der Ausstellung deutlich, wie er sich inhaltlich an der Geschichte und den Materialien des Bergbaus und seinen Ideen von der unsichtbaren Welt unter Tage in die „Tiefen der Erinnerung“ gräbt. Schaut vorbei und macht Eure eigenen Entdeckungen, es lohnt sich!

Das Foto zeigt Werke der Ausstellung "In den Tiefen der Erinnerung"

Die Ausstellung „In den Tiefen der Erinnerung“ führt von der Dunkelheit ins Licht

Stärkung muss sein

Nach so vielen Eindrücken sehne ich mich nach einer Pause, um das Gesehene zu verarbeiten. Eine kleine Stärkung kann auch deshalb wirklich nicht schaden, um die Akkus für die letzte Etappe etwas aufzuladen. Die vorgeschlagene Routenplanung schlägt das Deutsche Bergbaumuseum als möglichen Zwischenstopp vor. Das grüne Fördergerüst und Wahrzeichen Bochums ist vom Kunstmuseum aus in Sichtweite – und obwohl wir das Bergbaumuseum nicht besuchen werden, wissen wir doch um die kleine Wiese davor und sind in bester Hoffnung, dass die Currywurstbude geöffnet ist.

Das Foto zeigt Currywurst-Pommes vor der Kulisse des Deutschen Bergbaumuseums in Bochum

Currywurst-Pommes – ohne ist eine Tour durchs Ruhrgebiet nicht vollständig

Für diesen Ausblick nehme ich es mit dem Tippelsberg auf

Gestärkt und ausgeruht werde ich übermütig. Rauf auf den Tippelsberg für eine großartige Rundumsicht über das grüne Revier? Da kann ich nicht Nein sagen. Wie der Name des Aussichtspunktes vermuten lässt, heißt es nun kraftvoll bergauf, oder für mich: Wer sein Fahrrad liebt, der schiebt. Der wunderschöne Ausblick entlohnt jedoch meine Strapazen.

das Foto zeigt den Ausblick vom Tippelsberg auf Herne und Bochum

Hoch oben auf dem Tippelsberg hat man den besten Ausblick über Herne und Bochum

Mit dem Rad in der U-Bahn zum dritten RuhrKunstMuseum für heute

Nun ist meine Energie schlussendlich aufgebraucht und mein Ehrgeiz gebrochen: Wie es der Tourenvorschlag alternativ empfiehlt, steuern wir auf dem Weg zu den Flottmann-Hallen in Herne schnurstracks die Haltestelle „Zeche Constantin“ an. Dorthin geht es logischerweise ziemlich viel bergab. Für einige Haltestellen nehmen wir dennoch die U35 bis „Berninghausstraße“. Wie ich später erfahre, begründet der Bau dieser Bahnlinie meinen vorherigen Unmut: Durch ihren Aushub ist der Tippelsberg heute überhaupt erst so hoch wie meine Muskeln es ertragen mussten.

Letzter Halt für heute: Die Flottmann-Hallen in Herne

Das Foto zeigt die Flottman-Hallen ini Herne

Dritte und letzte Kunst & Kohle-Station für heute: Die Flottmann-Hallen in Herne

In den Flottmann-Hallen sind Kunstwerke des walisischen Künstlers David Nash zu sehen. Wer seine Arbeit kennt, dem ist klar: Nash muss Teil des Ausstellungsprojekts Kunst & Kohle sein! Schließlich hat der Land Art-Künstler eine ganze Serie verkohlter Skulpturen realisiert, die nun tatsächlich in der Ausstellung „Holz und Kohle“ präsentiert werden. Die Bearbeitung der Holzoberfläche mit Feuer verwandelt pflanzliches Material in mineralisches. Diese Wandlung von Pflanze zu Mineral hat auch die Steinkohle durchlaufen. Wirklich interessant zu sehen, wie ähnlich das angebrannte Holz dem Grubengold sieht. Flankiert werden die Skulpturen von großformatigen Kohlezeichnungen, die nicht nur von Nashs Interesse am Material, sondern auch von seiner stetigen Auseinandersetzung mit der Form zeugen.

Das Foto zeigt Werke der Ausstellung "Holz & Kohle" von David Nash

Die Ausstellung von David Nash zeigt „Holz & Kohle“

Von den Flottmann-Hallen aus steuern wir direkt wieder den Bahnhof in Herne an und treten per Bahn den Heimweg an. Der offizielle Endpunkt der Tour ist dort, wo sie gestartet ist: Am Emschertal-Museum Herne. Der Weg und die Wandlungen waren bisweilen eine wirkliche Herausforderung für meinen unsteten Charakter, und dennoch: Die Radtour ist ein Erlebnis in unserem Ruhrgebiet, das ich nicht missen möchte.

Kunst & Kohle per Rad – Mein Fazit

Wenn Ihr radverrückt und kunstbegeistert seid, dann MÜSST Ihr Euch auf den Sattel schwingen. Ich gehe davon aus, dass Ihr dann gut ausgestattet seid. Mein Drahtesel war heute nur eine Notlösung und beim nächsten Mal ist mein Mountain-Bike frisch oder ein E-Bike ausgeliehen. Bis zum Ende der Ausstellungen zu Kunst & Kohle Mitte September habt Ihr noch die Chance, es mir gleich zu tun und die RuhrKunstMuseen per Rad anzusteuern. Alle Routen stehen unter www.ruhrkunstmuseen.com/kunst-kohle/radtouren zum Download bereit und sind bei Komoot abrufbar. Und: Es handelt sich bei den Routen durch das radrevier.ruhr wirklich um Tagestouren – also besser auf Folgetermine verzichten, auch wenn Euch die reine Fahrtzeit gering vorkommt.

Allgemeine Informationen


Britta Ein Artikel von

Ich bin Britta und als Kunsthistorikerin die Kulturtante im Autorenteam. Nichts läge also näher, als dass ich für und mit Euch das Ruhrgebiet als Kulturgebiet entdecke. Ins Museum oder Theater zu gehen ist ja irgendwie immer ein Abenteuer. Man muss sich schon trauen... und nicht selten frage auch ich mich: Was will der Künstler mir sagen? Und ab dann wird es doch – finde ich – erst richtig spannend. Das Allerbeste: Im Ruhrgebiet gibt es die geballte Ladung an Möglichkeiten, solche Momente zu erleben. Bei Ruhr Tourismus bin ich für die Pressearbeit und das Eventmarketing der Kulturnetzwerke RuhrKunstMuseen und RuhrBühnen verantwortlich.

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