von Heike | 21. Januar 2021 | KATEGORIEN Erlebnis, Industriekultur | 0 Kommentare

Ein positiver Nebeneffekt der Corona-Krise ist für mich neben dem Rückgang des CO2-Austoßes der Zuwachs an „Rauszeit”. Da momentan nicht viel mehr geht, als Zeit an der frischen Luft zu verbringen, sind Spaziergänge zu meinem Nummer 1 Hobby geworden. Diverse Sams-, Sonn- und Ferientage haben meine Kinder und ich in den vergangenen Wochen damit verbracht, das Ruhrgebiet zu durchstreifen und uns mit unseren Kurztrips an die Grenzen und darüber hinaus zu wagen. Wie und wo Ihr das Spazieren mit Heißgetränk (To Go versteht sich) und ein wenig Picknick-Atmosphäre kombinieren könnt, verrate ich Euch jetzt.

Tipp 1: Die Haard – Langsames Waldbaden im Naturpark

Radwanderwegeübersicht der Haard
Zum Einstieg erstmal einen Überblick verschaffen

Rund um den Ruhrpott-Mittelpunkt Herne liegen diverse Naherholungsgebiete, die nach der seit Schulzeiten verinnerlichten N-O-S-W-Regel (Nie Ohne Seife Waschen) abgegrast werden. Den Anfang macht  „die Haard“ (nicht zu verwechseln mit der Bruce Willis Filmreihe) – ein ausgedehntes Waldgebiet im Norden des Kreis Recklinghausen im Naturpark Hohe Mark. Der wunderschöne Mischwald mit seiner hügeligen Sandsteinlandschaft lädt zum kraxeln, spazieren und picknicken ein – ja, das geht auch im Winter. Ein heißer Tee, Kakao oder Kaffee und “ne leckere Knifte” auf einer der vielen Bänke sind auch bei frischen Temperaturen mit der richtigen Kleidung ein richtig „hyggeliges“ Outdoor-Erlebnis. Zudem kann Kind 2 sein Mountainbike-Weihnachtsgeschenk auf einen Ride ausführen – denn hier gibt es nicht nur Wander- und Spazierwege, sondern auch einen 42 Kilometer langen Mountainbike-Trail (mehr dazu in Bens Artikel).

Fotogene, eiszeitliche Urwaldatmosphäre

Fichten und andere Nadelbäume, moosbewachsenes Totholz, Farne, Fliegenpilze, riesengroße Laubbäume, ein Aussichtsturm (Feuerwachturm Farnberg) und in nicht Corona-Zeiten das Ausflugslokal „Mutter Wehner“ verschaffen uns ein mehrere stundenlanges „Waldbadenerlebnis“.

Kraxeln auf umgefallenen Bäumen
Totholz ist nicht nur spannend für die Natur!

Diverse Rundkurse, Pfade, kleine und große Wege bieten eine große Auswahl. Wer sich digital während seines Spaziergangs begleiten lassen möchte: Der Regionalverband Ruhr hat an diversen Stellen Audiodateien zum Download angebracht – diese erzählen in kurzen Sequenzen kleine Informationsgeschichten zur Fauna und Flora des Naturparks. Gut beraten ist, wer sich die Dateien schon im Vorfeld herunterlädt, da die Netzabdeckung im Wald ist nicht besonders gut ist. 😉

Audioguide Tafeln des Regionalverbands Ruhr
Zum Download: Audioguide für den Naturpark

Wenn Ihr nach Abschluss Eurer Wanderung Appetit auf etwas Deftiges habt, stärkt Euch in Oer-Erkenschwick am Orient-Grill mit einem Döner, einer Falafel-Tasche oder einer Pommes – natürlich super safe mit Abstands-ToGo-Verkauf am Schalter und Konsum im Auto (Zwiebelduft im Wagen garantiert ;-).

Tipp 2: Gen Osten über die Grenzen gehen im Wildwald Vosswinkel

Einen Ausflug ins nahgelegene Sauerland zu machen ist dieser Tage mehr als verschrien, auch wenn der Wunsch nach Schneewandern und Abwechslung natürlich durchaus nachvollziehbar ist. Mit mehr Abstand und weniger Andrang geht das im Wildwald Vosswinkel bei Arnsberg. Arnsberg – ein Ruhrgebietsausflugstipp? Nicht ganz, aber der wunderschöne Wildwald ist schon seit vielen Jahren ein beliebtes Ziel, das Ihr im Normalfall mit Eurer RUHR.TOPCARD besuchen könnt. Aktuell geht ein Besuch nicht im vollen Umfang, d.h. einige Angebote der Einrichtung sind nicht nutzbar (Shop, Waldschule, es finden keine Fütterungen statt, Cafébetrieb eingeschränkt – ausschließlich To Go). Den Wald dürft und solltet Ihr aber betreten und so verbringen wir schöne 2-3 Stunden hier, bis die Pforten um 16 Uhr schließen. Wenn Ihr früh unterwegs seid, schafft Ihr die ganzen zwei Runden (Rundweg Rotwildrevier und Rundweg Wildschweinrevier) locker! Wenn Ihr, wie wir, etwas knapp dran seid, reicht es nur für einen Rundweg (wir haben uns für die Hirsche entschieden).

Kosten fallen für den Wildwald auch jetzt im Lockdown an!

Großes Rotwild-Kino

Neben den sehr niedlichen Begrüßungs-Schafen und Gänsen sehen wir kurz drauf zwei Rehe in knapp 30 Metern Entfernung von uns den Weg passieren. Kaum scheu durchstreifen sie den Wald – sehr idyllisch.

Durch den „unordentlichen“ Wald kommen wir zur großen Wildwiese, auf der sich einige Hirsche und Rehe tummeln und wir besteigen den Beobachtungshügel, um einen richtig guten Blick zu haben.

Dann – kurz hinter dem Haarhof – sehen wir zwei „kämpfende“ Hirschbullen aus nächster Entfernung! Das Geweihgeklapper ist wirklich laut und der Kampf echt beeindruckend. Nachdem wir kurz für einen Snack pausieren, muss es fast schon weitergehen, denn wir müssen noch bis zum Eingang zurück.

Um kurz nach 16 Uhr sind wir da und werfen unseren Besuchs-Obolus in die dafür vorgesehene Box, denn die Tiere brauchen auch jetzt während der Teil-Schließung Futter. Wer kein Bargeld dabei hat, kann ganz praktisch auch per Paypal zahlen – ratet mal, für welche Option ich mich entschieden habe. 😉 Sobald es wieder möglich ist, müsst Ihr für Tuchfühlung mit Tieren gar nicht so ganz weit fahren, sondern habt dafür im Wildpark Granat in Haltern am See viel Gelegenheit.

Daumen hoch für den Wildwald Vosswinkel

Mein Tipp: Lasst Euch mit dem Losfahren nicht so viel Zeit, denn umso mehr Tierbeobachtungszeit im Wald habt Ihr zur Verfügung! Und bald könnt Ihr hier sicherlich wieder Eure RUHR.TOPCARD zum Einsatz bringen!

Tipp 3: Süden = Sonne = Fehlanzeige im Muttental

Wie gut, dass Kind 3 so ein Allwetterkind ist: Ihm machen Regen, Kälte und überhaupt „usseliges“ Wetter fast nichts aus. Daher machen wir uns bei nur „halbguten“ Wetteraussichten auf den Weg ins Muttental, dem Ausflugsziel meiner Kindheit. Unzählige Tage habe ich früher hier mit meinen Eltern auf dem Bergbauwanderweg verbracht – in größeren Gruppen oder mal nur wir als 4-köpfige Familie.

Es kommen also Kindheitserinnerungen hoch, sobald wir die Zeche Nachtigall passieren, um zu parken. In der Regel stelle ich mein Auto noch vor der Zeche ab, aber aufgrund der erhöhten „Usselichkeit“ des Wetters fahre ich etwas näher an den Einstiegspunkt unserer Kurzwanderung heran. Im Muttental befindet sich der ca. 9 Kilometer lange Bergbau-Rundwanderweg, der bereits 1972 entstanden ist. Wir laufen heute nur ein Teilstück (s. Wetter ;-)) Richtung Ruine Hardenstein durch den Wald, streifen mal links und rechts vom Weg und klettern und kraxeln ein wenig. Unser Hund findet’s richtig gut und auch Kind 3 genießt die Abwechslung.

Ein fast schon mittelalterliches Picknick

An der Ruine wird das Picknick ausgepackt, mit entsprechenden Heißgetränken, die wir mit Blick auf die Ruhr genießen. Ganz schön schnell fließt das Wasser über die Stromschnellen. Im Sommer könnt Ihr hier mit Eurem Rad mittels Fähre übersetzen (schaut Euch mal Sandras Artikel über ihren Urlaub auf dem RuhrtalRadweg an), heute ist hier fast nichts los. Bis auf ein paar andere Spaziergänger*Innen mit Hund begegnet uns niemand! Wir bewundern die alten Steine der Burgmauern und überlegen, wer hier wohl wie gelebt und gewohnt hat. Schon cool, so eine alte Ruine.

Auf dem Rückweg bewundern wir die Steinschichten, auf die das lichte Gestrüpp den Blick freigibt und sammeln fleißig Steine auf. Schließlich ist der Rucksack ja leer, nachdem wir das Picknick vertilgt haben. 😉

Das Muttental hat noch mehr in petto

In Nicht-Corona-Zeiten hätten wir jetzt sicher einen Stopp an der Zeche Nachtigall eingelegt, aber heute spazieren wir nach unserer ausgedehnten Wanderung von sicherlich 2 Stunden zurück und fahren noch zum Bethaus der Bergleute und bis zur Zeche Hermann, wo bereits 1883 Steinkohle gefördert wurde.

Auf dem Rückweg biegen wir ab in Richtung Skulpturenpark auf Schloss Steinhausen, dessen Ursprünge in das Jahr 1297 zurückreichen, und sehen zu unserer Überraschung nicht nur eine Gruppe Elefanten sondern auch Giraffen und andere Tiere, aus Stahl und Stein. Auf jeden Fall einen Abstecher wert!

Plötzlich Afrika – Skulpturenpark am Schloss Steinhausen

Mein Tipp: Wenn Ihr Eure Ruinen-Wanderung verlängert, könnt Ihr gut und gerne einen ganzen Tag hier wandern. Wir haben früher hier sogar an den dafür vorgesehen Plätzen gegrillt. Erweitert Euren Trip um einen Stopp an der Zeche Nachtigall oder kommt gleich mit dem Rad, idyllisch am Kemnader See vorbei entlang des RuhrtalRadwegs. Wer nur einen Teil spazieren will, ist mit dem von mir vorgestellten Teil gut bedient und kann danach zum Beispiel – wenn es dann wieder möglich ist – noch in den Kletterwald nach Wetter weiterfahren!

Tipp 4: Im Westen viel Neues – Vögel und Biber auf der Bislicher Insel in Xanten

Idylle pur und eine ganz andere Landschaft, als mitten Pott

Ebenfalls innerhalb von knapp 50 Minuten Fahrtzeit ab Herne erreichbar ist die Bislicher Insel in Xanten. Die wunderschönen Bilder, die ich davon in der Vergangenheit bereits im Netz gesehen habe, haben mich inspiriert, die Lieben um mich herum ins Auto zu packen und an einem trüben Tag diesen Ausflug zu machen. Überraschenderweise ist es hier dann gar nicht mehr trüb. Die Sonne kommt raus, es ist kalt und klar und wunderschön. Eine vollkommen andere Landschaft, als im Herzen des Ruhrgebiets. Viel macht natürlich der Rhein mit seinen Stränden und generell das viele Wasser, aber die Gegend hier mutet fast schon holländisch an – überraschend, besonders weit ist es ja von hier aus auch nicht mehr.

Der Weg ist das Ziel

Vom RVR Naturforum Bislicher Insel – das momentan leider geschlossen ist – laufen wir erstmal in die „falsche“ Richtung, nämlich nicht auf die Bislicher Insel, sondern entlang der Straße bis wir auf Feldwege Richtung Rhein abbiegen. Zahlreiche Wildgänse überwintern hier und machen sich lautstark bemerkbar – besonders spannend für unseren Hund, der natürlich nichts lieber hätte, als Freilauf. 😉

Wir legen einen Heißgetränke-Stopp ein, bevor es zum Rheinufer hinabgeht, zum Steine sammeln und ins Wasser schmeißen. Wäre es etwas wärmer, könnte man sich hier in Ruhe mit einem Getränk in der Hand die vorbeifahrenden Schiffe anschauen. Heute ist es dafür zu frisch und daher zieht es uns weiter, bis wir letztlich doch noch auf der Bislicher Insel ankommen.

Tierbevölkerte Halbinsel mit Ausblicken

Zuguterletzt erreichen wir die Bislicher Insel

Einige ornithologisch interessierte Mitmenschen kommen uns mit Fernglas und Riesen-Kameraausstattung entgegen, ich bin mit meinem Handy im Gegensatz etwas schlecht bestückt – aber: Ich sehe direkt ab vom Weg einen sauber von Bibern benagten Baumstamm, dessen baldiges Umfallen ich fast schon spüren kann, ohne mein Ohr dafür auf ein Bahngleis bzw. den Weg legen zu müssen. 😉

Zwei Vogelbeobachtungsstationen geben den Blick frei auf Gewässer mit Enten und anderen Wasservögeln. Mit etwas mehr Zeit und Geduld könnten wir hier bestimmt richtig tolle Entdeckungen machen. Da es aber kalt ist und wir schon zwei Stunden in der „falschen“ Richtung unterwegs waren, ist die Geduld etwas überstrapaziert, weswegen wir den Rückweg zum Auto antreten. Eine absolute Weiterempfehlung, sicherlich noch um einiges schöner, wenn das Naturforum wieder geöffnet hat und man auch den Aussichtsturm besteigen kann. Dann lauft Ihr auch nicht Gefahr, erstmal den falschen Pfad einzuschlagen. Nichtsdestotrotz: Wir haben Sonne bekommen, Biberfunde gesehen und hatten eine schöne Zeit an der frischen Luft!

Mein Tipp: Schlendert unbedingt durch Xanten und  nutzt bei wärmerer Witterung die  SUP-Möglichkeiten an der Beachline – das sollte ja im Sommer wieder gehen!

Winterspaziergänge – Mein Fazit

Ich weiß ja nicht wie es Euch geht, aber ich träume mittlerweile davon, aus einem Kurztrip einen Langtrip mit einer oder mehreren Übernachtung(en) zu machen und fantasiere von den ganzen ungewöhnlichen Übernachtungsmöglichkeiten, die unsere schöne Region in petto hat. Die Gedanken sind ja bekanntlich frei. Bis dahin rüstet Ihr Euch am besten gut für einen Spaziergang ohne Einkehrmöglichkeiten – das heißt: Zwiebellook, Heißgetränke, Snacks und warme Schuhe 🙂

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