von Sarah Bauer | 3. Mai 2018 | KATEGORIEN Industriekultur, Kultur | 0 Kommentare
Das Bild zeigt eine Installation aus Abbauhämmern und drei Menschen im Hintergrund
Generalprobe Abbauhammerkonzert auf Prosper Haniel – Künstler Christof Schläger (m.) mit seiner Frau Marjon Smit (r.)

Abbauhammerkonzert. Generalprobe. Etwas unsicher stehe ich in meinen klobigen Sicherheitsschuhen und der grellen Warnweste in der großen Halle auf Prosper Haniel in Bottrop. Über den Betonboden winden sich gelbe Schläuche. An einer Apparatur baumeln Bergbaugeräte. Riesige Orgelpfeifen ragen wie Regenrohre in den Raum. Gleich wird Künstler Christof Schläger diesen Gegenständen mit viel Wind und einem Laptop Leben einhauchen und sie zum Klingen bringen. So richtig vorstellen kann ich mir das noch nicht. Ist das nicht einfach nur laut – so wie die Arbeit unter Tage?

Das Bild zeigt Pfeifen und gelbe Kabel
Aus diesen Pfeifen dröhnt kurze Zeit später die Melodie von „unter Tage“

Wenig später sitzt Schläger konzentriert am Notebook. Seine Frau blickt ihm über die Schulter. Schließlich beginnt ein Rasseln, als würde jemand Ketten schütteln, begleitet von einem Klopfgeräusch. Ein helles Klingen mischt sich darunter, dann ein tiefes Dröhnen wie aus einer Tuba. Und plötzlich tanzen die eben noch still in der Halterung hängenden, kiloschweren Abbauhämmer als würden Puppenspieler sie mit Leichtigkeit bewegen. Laut ist es definitiv. Aber faszinierend harmonisch. Wie ein surreales Orchester ohne Musiker. Die Melodien sind zwar eindeutig mechanisch und auch etwas brachial – aber dafür, dass hier Werkzeuge „spielen“, klingt das Abbauhammerkonzert nach viel mehr als einfach nur Lärm. Nach viel mehr als einem Abgesang auf die Kohleförderung.

 

Das Foto zeigt vier rote Abbauhämmer
Tanzende Abbauhämmer durch Druckluft in Bewegung

Ordentlich Druckluft ablassen: das Ende der Steinkohle im Ruhrgebiet

Neben Abbauhämmern hat Christof Schläger sein Ensemble auch mit Kesselblechen, Druckluftmotoren und einer Förderkorbglocke besetzt. All diese Geräte gehören zum Alltag im Bergbau; abgesehen von den Orgelpfeifen. Und alle funktionieren mit Druckluft. Das ist unter Tage besonders wichtig, denn druckluftbetriebene Maschinen können keine Funken schlagen – und in der gashaltigen Luft würde manchmal schon ein winziger Funke ausreichen, um eine Explosion auszulösen.

Um die Geräte für das Abbauhammerkonzert zum Klingen zu bringen, nutzt Schläger ebenfalls allein Druckluft. Nur die Partitur, also die Abfolge der Töne und damit die exakte Melodie, steuert der Herner Künstler von seinem Laptop aus.

 

Das Bild zeigt einen Mann
Christof Schläger möchte seine Komposition bis Ende Mai noch verfeinern

Abbauhammerkonzert klingt zu „Kunst & Kohle“

Nach etwa einer Viertelstunde verstummen die Werkzeuge. Applaus brandet auf. Schläger hebt abwehrend die Hände und schmunzelt. „Das war ja nicht einmal eine richtige Generalprobe. Bis Ende Mai kommt sicher noch einiges hinzu und ich werde noch viele Töne abändern. Es ist bis zuletzt alles im Fluss.“ Ab Ende Mai wird das Abbauhammerkonzert im Rahmen des großen, ruhrgebietsweiten Ausstellungsprojekts „Kunst & Kohle“ offiziell auf Tour gehen. An sieben RuhrKunstMuseen baut Christof Schläger zu unterschiedlichen Daten für einen Tag sein Werk auf und bespielt es live für Besucherinnen und Besucher. Rund 20 Minuten lang dauert jede Aufführung.

Insgesamt zeigen unter dem Titel „Kunst & Kohle“ 17 RuhrKunstMuseen zwischen Mai und September Ausstellungen, die sich auf verschiedenste Weisen mit dem Ende des Steinkohlebergbaus beschäftigen. Fotografien, Malerei, Skulpturen, Installationen und sogar ein Duft sowie Comics beleuchten ein Thema, das die Region in Arbeitsleben und Mentalität stark geprägt hat. Das Abbauhammerkonzert bleibt nicht die einzige Veranstaltung, die „Kunst & Kohle“ begleitet. Aufführungen eines Figurentheaters, Performances, ein Stummfilm mit Live-Jazz und Regiegespräche ziehen mit zahlreichen Terminen durch die Museen im Ruhrgebiet.

 

Das Bild zeigt eine Installation aus Orgelpfeifen
Größe Orgelpfeifen tragen die mechanischen Töne nach draußen

 

Wo Bergbau zu Kunst wird

„Mit kleinen Geräten wie Abbauhämmern wird hier im Bergbau übrigens schon lange nicht mehr gearbeitet“, sagt Christof Schläger und deutet auf ein Bild an der Wand. Es zeige eine Fräse, die so groß wie ein Truck ist. „Heute wird längst im großen Stil abgebaut“. Und im Ruhrgebiet bald gar nicht mehr. Eine seltsame Vorstellung, die wie in ferner Zukunft zu liegen scheint, aber plötzlich so nah ist. Mein Blick geht aus dem Fenster auf den noch aktiven Förderturm von Prosper Haniel. Ich ziehe die schweren Sicherheitsschuhe aus. Weder diese noch eine neongelbe Warnweste braucht man übrigens, wenn man die Abbauhammerkonzerte an einem der Museen besuchen möchte. Dort wird der Bergbau dann langsam zu Geschichte. Zu Kunst. Zu etwas, das noch bestehen wird, wenn alle Gruben geschlossen sind.

 

 

Allgemeine Informationen

Alle Termine für das Abbauhammerkonzert

31. Mai, 15 Uhr Bottrop, Josef Albers Museum Quadrat Bottrop

9. Juni, 20 Uhr: Herne, Flottmann-Hallen

21. Juni, 19 Uhr: Duisburg, Lehmbruck Museum

23. Juni, 15.30 Uhr: Marl, Skulpturenmuseum Glaskasten Marl

9. Juli, 15 Uhr: Dortmund, Museum Ostwall im Dortmunder U

26. August, 12 Uhr: Recklinghausen, Kunsthalle Recklinghausen

16. September, 12 Uhr: Bochum, Kunstmuseum Bochum

 

 

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