von Britta / Thema: Kultur / am 22. Februar 2018um10:15

Mein Besuch bei PACT Zollverein, dem Festivalzentrum der TANZPLATTFORM 2018

Heute Abend gehe ich ins Theater. Wobei Ihr Euch darunter keinen klassischen Theaterbesuch vorstellen dürft. Ich schaue mir die Tanz, Schrägstrich Performance-Darbietung „PRIVATE: Wear a mask when you talk to me“ der schweizerischen Künstlerin Alexandra Bachzetsis bei PACT Zollverein an. Zwar bin ich mit der Ausdrucksform Performance als kunstinteressierte Person durchaus vertraut und wurde in Ausstellungen bereits des Öfteren damit konfrontiert, aber bei einer, die sich den Tanz ganz offiziell auf die Fahnen schreibt war ich noch nie. Das ist also Neuland. Darüber zu schreiben auch. Ich bin also sehr gespannt, was mich erwartet, und was ich Euch am Ende darüber erzählen kann. Wie körperlich wird diese Darbietung sein? Wie intensiv und eindrücklich die kommenden 50 Minuten? Was will die Künstlerin mir sagen? Werde ich einen Zugang finden?

Erlebt mit Tanz & Performance etwas ganz Besonderes bei PACT Zollverein

Als meine Begleitung und ich uns dem Gelände von Zeche Zollverein nähern ist es 19:30 Uhr und schon ziemlich finster. Der Parkplatz vor PACT ist relativ leer, und der Eingangsbereich nicht voll von Menschen, wie man es vielleicht vom Besuch einer klassischen Inszenierung im Theater kennt. Ja, das ist schon eine Nische, dieser Mix aus Tanz und Performance und zieht nicht die großen Massen an.

Begegnet bei PACT Zollverein Performance-Stars im Ruhrgebiet

Wobei mich dieser Umstand tatsächlich verwundert, schließlich steht mit Alexandra Bachzetsis ein aufgehender Stern der Szene auf einer Bühne mitten im Ruhrgebiet: Ihre Arbeiten waren zuletzt im Sommer auf der documenta in Kassel zu sehen. Und damit wird schon deutlich, scheinbar ist eine Performance immer ein Performance – ob mit Tanz oder ohne. Der menschliche Körper wird zum Instrument des künstlerischen Ausdrucks. In der Kunst von Alexandra Bachzetsis, die auch Choreografin ist, spielen zeitgenössischer Tanz und alltägliche Bewegungsmuster dabei einfach eine größere Rolle als bei anderen Performance-Künstlern.

PACT Alexandra Bachzetsis PRIVATE © Blommers & Schumm

Ein Besuch bei PACT Zollverein: Nicht nur kultureller Genuss

Als wir die ehemalige Waschkaue betreten, die PACT Zollverein als Foyer dient, tummeln sich dort dann doch bereits einige Performance-Fans und gönnen sich ein Getränk oder eine der Speisen, die hier vor den Vorstellungen stets angeboten werden und ziemlich lecker klingen: Auberginen mit Kräuterbulgur oder Grünes Gemüse und Chorizo in Paprikasauce stehen heute Abend auf der Speisekarte. Ärgerlich, dass wir schon vorher etwas gegessen haben. Mein Tipp an Euch: Kommt früh genug und genießt vor der Aufführung an diesem besonderen Ort eines der Gerichte. Sah alles ziemlich lecker aus. Ein Bierchen und eine Maracujasaft-Schorle haben wir dann aber doch noch geschafft.

Fast leere Bühne meets ausdrucksstarke Performance

Beim Ertönen eines Gongs – und das ist dann wieder typisch Theater – wissen alle, dass es an der Zeit ist, sich in Richtung des Zuschauerraums zu begeben. Dort eingetroffen, befindet sich Alexandra Bachzetsis bereits auf der Bühne. Sie sieht ein bisschen aus wie Amy Winehouse und sitzt sich schminkend auf einem Stuhl vor einem Spiegel-Stativ. Die Bühne ist grell beleuchtet, das Bühnenbild wird lediglich durch ein schwarz-weißes Kachelmotiv am Boden akzentuiert. Ansonsten liegt etwas Kram auf der Bühne herum, der noch nicht erahnen lässt, welchen Nutzen er haben wird. Dass wir nun alle in den Saal stolpern und rumpeln, davon bleibt Alexandra Bachzetsis unbeeindruckt – und trägt akribisch weiter den Eyeliner auf. Erst später wird mir klar, dass dieser Spiegel mit einer Kamera ausgestattet war – so wie YouTube-Stars einen benutzen, um der Welt zu zeigen, wie genau das neueste Make-up-Produkt aufzutragen ist.

PACT Alexandra Bachzetsis PRIVATE © China Hopson, Kunstverein Hannover 2016

Was Yogaleggins, Stiefeletten und Jogginganzug mit Performance-Kunst zu tun haben

Das, was Alexandra Bachzetsis uns in der folgenden knappen Stunde darbietet, wirkt zwar einerseits tatsächlich künstlich – und zwar dadurch, dass die Dinge, die sie tut und die Posen, die sie einnimmt sowie die Kleider und Frisuren die sie trägt, völlig aus dem Zusammenhang gerissen und wild gemixt sind. Aber viele Einzelheiten innerhalb der Performance kommen mir erstaunlich bekannt vor: Sie fusioniert Push-ups mit Yogaübungen, folkloristisch anmutender Tanz reiht sich an Moon-Walks, Posen, die vermeintlich coole Jungs einnehmen gehen über in solche, die man eher von leichten Mädchen erwartet. Vieles erinnert mich an Dinge, die Teil alltäglicher Bewegungsmuster und Körperhaltungen unserer Kultur sind und durch die Massenmedien mit gewissen Attributen und Geschlechterrollen besetzt werden: Ein hautenges Latexkleid, ein schlabbernder Jogginganzug, ein feiner Hosenanzug, eine sexy Yogaleggins, ein knappes Sport-Dress aus Slip und BH, barfuß, mit hochhackigen Stiefeln oder flachen Turnschuhen, langes, kurzes, wildlockiges und aalglattes Haar, aufdringlich geschminkt und ganz natürlich… Nicht zuletzt durch die verschiedenen „Kostüme“, in die Bachzetsis schlüpft oder derer sie sich entledigt, wird mir klar, was ihre Darbietung bei der nichts so richtig zusammen passt, eigentlich mit mir macht. Den permanenten und provokativen Kontakt, den sie mit dem Publikum sucht, vor allem dessen Intensität in den stillen und regungslosen Momente, finde ich tatsächlich schwer auszuhalten.

PACT Alexandra Bachzetsis PRIVATE © Blommers & Schumm

Bei PACT begegnet Ihr Kunst, die Fragen stellt

Sie stellt mir Fragen. Ohne Worte fragt sie, ob diese Rollen – versinnbildlicht durch ihre Posen – eine Rolle in meiner Wirklichkeit spielen. Finde ich mich in diesen Verhaltensweisen aus ihrer Performance wieder? Obwohl Bachzetsis sich ja eigentlich unserem Blick aussetzt, steht jeder einzelne Zuschauer im Rampenlicht ihrer Darbietung. Sie konfrontiert uns über den Einsatz ihres Körpers mit Klischees, mit Attributen und Bildern, die wir den Geschlechtern zuordnen und die wir vielleicht selbst – bewusst oder unbewusst – bedienen oder gar benutzen. Die vielen Referenzen unseres massenmedialen Alltags, die die Künstlerin einsetzt, verdeutlichen, wie sehr dieser unsere Geschlechteridentifikation heute bestimmt. Sprachlos, weil irritiert gehe ich also mit einer Menge Fragen nach Hause: Wie sehr hafte ich diesen Rollen an? Wie schnell stecke ich andere aufgrund gewisser (Körper)Haltungen in Schubladen, schreibe ihnen gewisse Eigenschaften zu? Was ist eigentlich noch privat und wann werde ich zum Exponat? Trage ich eine Maske, je nachdem mit wem ich mich unterhalte? Bin ich echt oder nur Produkt von Bildern, die mir vorgaukeln, wie ich zu sein habe? Oder bin ich wirklich – wenn auch unbewusst – so manipulativ oder manipulierend? Würde ich mir noch einmal eine Tanzperformance bei PACT Zollverein anschauen? Aber selbstverständlich!

Lust auf eine besondere Erfahrung? Die TANZPLATTFORM 2018 findet im Ruhrgebiet statt!

Wenn Ihr auch Lust auf eine so besondere Erfahrung habt, Performance und zeitgenössischen Tanz klasse findet und neugierig auf ästhetischen Körperkult und offen für vielleicht etwas schwerere Kost seid, dann haben wir gute Nachrichten für Euch. 2018 findet die TANZPLATTFORM in unserem Ruhrgebiet statt. Vom 14. bis 18. März 2018 könnt Ihr im Rahmen des größten Tanzfestivals Deutschlands viele nationalen und internationalen Tanz- und Performancestars in der Metropole Ruhr erleben. Das Gelände des UNESCO-Welterbes Zollverein wird zum Zentrum der Tanzwelt. Auf verschiedenen Bühnen in Essen und Gelsenkirchen habt Ihr dann die Möglichkeit, die bemerkenswertesten zeitgenössischen Produktionen der letzten zwei Jahre zu sehen.

 

Allgemeine Informationen

TANZPLATTFORM 2018: Mehr als nur Zuschauen

Neben den zwölf Tanz- und Performanceproduktionen, die von einer Fachjury zur Teilnahme an der Tanzplattform ausgewählt wurden, geht es in Vorträgen, Diskussionen, Foren, Ausstellungen und Workshops auch um den Austausch unter den Künstlerinnen und Künstlern mit Besucherinnen und Besuchern des Festivals. Zu den Veranstaltungsorten gehören mit PACT Zollverein, dem Aalto Theater in Essen und dem Musiktheater im Revier drei der elf RuhrBühnen. Außerdem werden das SANAA-Gebäude, die Zeche Zollverein und die Kokerei Zollverein tänzerisch und performativ bespielt.

Nähere Infos zu allen Aufführungen, dem Rahmenprogramm sowie zum Ticketkauf findet Ihr hier: www.tanzplattform2018.de

 




Britta Ein Artikel von

Ich bin Britta und als Kunsthistorikerin die Kulturtante im Autorenteam. Nichts läge also näher, als dass ich für und mit Euch das Ruhrgebiet als Kulturgebiet entdecke. Ins Museum oder Theater zu gehen ist ja irgendwie immer ein Abenteuer. Man muss sich schon trauen... und nicht selten frage auch ich mich: Was will der Künstler mir sagen? Und ab dann wird es doch – finde ich – erst richtig spannend. Das Allerbeste: Im Ruhrgebiet gibt es die geballte Ladung an Möglichkeiten, solche Momente zu erleben. Bei Ruhr Tourismus bin ich für die Pressearbeit und das Eventmarketing der Kulturnetzwerke RuhrKunstMuseen und RuhrBühnen verantwortlich.

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