von Thomas Machoczek | 22. Mai 2020 | KATEGORIEN Erlebnis, Industriekultur | 0 Kommentare

Hier sind sie also lang galoppiert. Stockmaß: ein Meter fünfunddreißig. Kaum mehr als ein Pony. Und doch waren sie wohl lange Zeit die Größten hier in ihrem Revier, als man von Kohle tief unter dem Emscherbruch noch nichts wusste. Aber eins nach dem Anderen. Die anstehende Wanderung ist simpel. Sie gleicht, von oben gesehen, einer Raute durchs Herz des Reviers. Die Wege sind gut, die Höhenmeter überschaubar – aber dafür gibt es auf 12 Kilometern Ruhrgebiet in voller Geschichte und Gegenwart.

  Blaues Band von Ewald

Los geht´s an der Zeche Ewald

Vom Hauptkomplex der Zeche Ewald her kommend, die beiden stählernen Fördergerüste und einen Malakowturm im Rücken, geht es am Mondsee rechts ab, dem Emscherbruch entgegen. Natürlich: Ewald allein hätte viel zu bieten, und die dahinter liegende Halde Hoheward, die größte im Ruhrgebiet, sowieso. Aber heute wollen wir einmal ihren Vorgarten besuchen und uns anschauen, wie es früher einmal war, bevor die Industrie die Landschaft umgekrempelt hat. Das hat sie nämlich wirklich getan. Während sie hinter uns die Halden in die Höhe wachsen ließ, liegt vor uns ein Gebiet, dass immer mehr versank.

Der erste Hinweis darauf findet sich bereits nach wenigen hundert Metern. Vor einigen Jahren gab es hier sogar mal einen kleinen Aussichtspunkt, aber der wurde wegvandalisiert. Mit etwas Glück entdeckt man aber immer noch ein paar rot-weiße Stangen, die tief im Schlamm stecken und zeigen, wie weit sich hier die Erde infolge des Bergbaus gesenkt hat. Auch wenn das Ergebnis nur geschätzt werden kann: Wir reden nicht über Zentimeter.

Messstangen im Vorgarten der Zeche Ewald
Messstangen im Vorgarten der Zeche Ewald

Bis zum nächsten Aussichtspunkt geht es geradeaus, der alten Bahntrasse entlang mitten durch die Bruchlandschaft. Zeit für einen Blick auf Wikipedia: Bruchlandschaft. Hat mit Moor und Sumpf zu tun. Rheinländisch auch Broich genannt. Schloss Broich in Mülheim liegt also wahrscheinlich an einer alten sumpfigen Ecke der Ruhr. Könnte passen.

Alte Bahntrasse
Alte Bahntrasse

Sumpfig war es hier im Emscherbruch auch in schwülwarmer Vorzeit schon. Bäume kippten um, versanken im Morast, Kohlenstoff konnte nicht entweichen. So entstand die Kohle. Als man nach ihr zu graben begann, ein paar hundert Millionen Jahren später, versank die Gegend vollends im Morast. Beim Ewaldsee hat in den 1930er Jahren noch der Bau der nahen A2 nachgeholfen, und so entstand ein bildhübscher Auflugsort mitten im Wald. Leider lässt sich die Geräuschkulisse nicht wegdiskutieren.

Pärchen am Ewaldsee in Herten
Lauschiges Fleckchen Erde am Ewaldsee

Ein Raum für seltene Tiere

Die nächsten Kilometer führen uns über entzückende, leicht beschwingte Waldwege, die immer wieder Blicke auf Lichtungen und kleine Tümpel freigeben. Seltene Tier und Pflanzenarten haben hier in dieser post-industriellen Nische einen hervorragenden Lebensraum gefunden. Nur die ursprünglichen Bewohner findet man nicht mehr: die Emscherbrücher. Eine Pferderasse, die zwischen Bottrop und dem Dortmunder Norden heimisch gewesen sein soll. Im 14. Jahrhundert erstmals erwähnt, begleitete sie viele Jahrhunderte die wenigen im Emscherland ansässigen Gehöfte als Arbeitstiere. Die Cranger Kirmes hat ihren Ursprung in einem alten Pferdemarkt, der nicht nur Händler, sondern zunehmend auch Gaukler und anderes fahrendes Volk anlockte. Ihre Größe machte die Emscherbrücher später zu wertvollen Helfern als Grubenpferde unter Tage. Die letzten Wildpferde sollen in den 1840er Jahren eingefangen und verkauft worden sein, und einige sagen, der Herzog von Croy habe sie gekauft, der daraus den Grundstock für seine Dülmener Wildpferde machte.

Waldweg im Ruhrgebiet
Entzückender Waldweg im Emscherland

Jenseits der Münsterstraße scheint der Weg an einer Sperrung zu enden, dahinter wird der Holzbach als ein Teil des großen Emscherumbaus neu gefasst. Wir gehen rechts einen flachen Hügel hinauf, der so eigentlich auch nicht hierher gehört, sondern Halde für Schacht Emschermulde war. Deren Gebäude liegen nur ein paar Schritte weiter im Wald und dienen heute als Forststützpunkt des Regionalverband Ruhr.

Die Emscher
Über die Emscher und weiter gehts

Über die Emscher und weiter zum Kanal. Vorbei geht es an der Grimberger Sichel, die uns auf der anderen Kanalseite auf die Erzbahntrasse weiter Richtung Bochum bringen würde. 150 Meter geschwungener Stahl und Beton, die an einem einzigen Träger hängen: Für die eigenwillige Brückenkonstruktion gab es 2010 sogar den European Steel Bridges Award.

Weiter Richtung Emscherdeich. Es ist eine merkwürdige Landschaft, die sich hier oben öffnet. Strommasten stehen herum wie Bäume im Wald, links die Deponie, und die Häuser, denen wir ein Stückchen weiter begegnen, liegen tiefer als der Fluss. Hier muss gepumpt werden. Ewigkeitsaufgaben, der Bergsenkungen wegen. Hier ist der Mensch der Nischenbewohner seiner selbstgeschaffenen Umgebung. Das ist nicht nur im Ruhrgebiet so, wirkt hier aber oft besonders pittoresk.

Rechts am Wegesrand liegt das Gut Steinhausen, ein Reiterhof, der auch einen Biergarten hat und für einen Zwischenstopp gut ist.

 

Gipfelglück mit Stadtlandschaft

Und zum Schluss: das Gipfelglück. Halde Hoppenbruch ist so etwas wie die kleine Schwester der an Fläche fast dreimal so großen Halde Hoheward. Auch an Höhenmetern hat diese mehr zu bieten. Der Aufstieg von knapp 70 Metern lohnt sich trotzdem. Hoppenbruch zählt zu den frühen Halden, die aus der Bergaufsicht entlassen wurden. Heißt: Heute haben hier nicht mehr Bergleute das sagen, sondern Mountainbiker, die zahlreiche Spuren durchs Unterholz gelegt haben. Und Wanderer, die, um ungewollte Begegnungen zu vermeiden, besser auf den festen Wegen bleiben.

Aufgang zur Halde Hoppenbruch
Aufgang zur Halde Hoppenbruch

Das wird belohnt mit wunderbaren Ausblicken beispielsweise auf Zeche Pluto, deren Fördergerüst ihre Verwandschaft mit Zeche Zollverein, Schacht XII, nicht leugnen kann. Sie haben denselben Architekten. Von oben, unter dem jüngst erneuerten Windrad, zeigt sich der lange Rücken von Halde Hoheward und ein Panorama, das vom Bergbaumuseum bis zum Gasometer reicht. Und was man nicht sofort erkennt, erklären uns die Tafeln.

Blick auf Zeche Pluto
Blick auf Zeche Pluto

Hinab in die Schlucht zwischen den Halden und am Mondsee im Gegenlicht nach rechts, den Gerüsten von Ewald entgegen. Die Balkone von Hoheward heben wir uns für das nächste Mal auf.

Mondsee im Sonnenlicht
Mondsee im Sonnenlicht

Hier gibt es die Tour zum Nachwandern!

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