von Frauke | 5. September 2021 | KATEGORIEN Genuss, Kultur | 0 Kommentare

Hatte ich schon erwähnt, dass ich ein echter Fan von Kulturfestivals mit mehreren Stationen bin? Müsste ich meine zwei Tage auf der Ruhrtriennale mit einem Wort zusammenfassen, sähe das so aus: Geil! Aus dem Programm habe ich einer Freundin und mir Kunstausstellungen und Tanz-Performances in Bochum und Essen herausgesucht. Überrascht wurde ich von zahlreichen persönlichen Geschichten… Ich erzähle Euch meine!

Ruhrtriennale Tag 1 – Die Magische Zahl in der Turbinenhalle

Wir starten in Bochum, gleich hinter der Jahrhunderthalle. Im Rahmen der „Ruhrtriennale – Festival der Künste“ findet in der Turbinenhalle die Ausstellung „21 – Erinnerungen ans Erwachsenwerden“ statt. Es handelt sich um die vollständige Edition einer Werkreihe, die der Künstler Mats Staub seit 2012 verfolgt. Die Installation besteht aus mehreren Videobildschirmen, vor welchen man in der Industriehalle auf kleinen Hockern Platz nimmt. Über Kopfhörer und Schaltknöpfe kann man sich pro Station 3 bis 5 Beiträge verschiedener Personen ansehen. Diese berichten auf auditiver Ebene von den Ereignissen, als sie 21 Jahre alt waren. Zu sehen sind die Reaktionen der jeweils erzählenden Person 3 Monate nach der Aufnahme. Die Menschen kommentieren, lachen, weinen und geben am Ende nochmal ein Statement ab. Das Kunstwerk trägt zahlreiche, internationale Porträts aus den Jahren 1939 bis 2020 zusammen.

Erinnern verknüpft hier persönliche Geschichten mit Weltereignissen. Man wandert vom zweiten Weltkrieg über die Studentenbewegung und das Ende der Apartheit bis zur Coronakrise. Und wie das so mit 21 Jahren ist: auch Liebesgeschichten und Selbstfindung bleiben beim Erwachsenwerden nicht aus. Die Zeit vergeht wie im Flug – nicht nur die der Protagonisten, sondern auch die in der Ausstellung. Ich würde gerne nochmal hin! Zwar gibt es die Aufnahmen auch online, doch das Ambiente der Turbinenhalle ist unschlagbar!

Dinieren zwischen Prominenten

Nach 2,5 Stunden Kunstkonsum muss auch der Magen befriedigt werden. Wie gut, dass die Ruhrtriennale direkt vor der Jahrhunderthalle die Pappelwaldkantine eingerichtet hat. Hier verteilen sich unter den Bäumen kleine Sitzgelegenheiten mit Tischen. Nachts ist alles schön beleuchtet und ein Bereich ist durch ein Zelt vor Regen geschützt. Veganes und vegetarisches Essen gibt es beim Foodtruck, der von dem Bochumer Restaurant „Neuland“ betrieben wird.

Der Verein hat sich in seinem Hauptsitz in der Rottstraße ebenfalls der Kultur verschrieben und bietet regelmäßig Lesungen, Filmen sowie Konzerten eine Bühne. Auf der Ruhrtriennale überzeugte das Team vor allem durch kulinarisches Talent. Gegenüber der indischen Sauerkraut-Pasta bin ich anfangs sehr skeptisch, aber sie hat meinen Gaumen überzeugt! Auch die vegane Stulle und die Linsensuppe sind sehr lecker! In der Pappelwaldkantine kommen auch die „Stars und Sternchen“ der Ruhrtriennale zusammen! Mats Staub höchst persönlich sitzt links von uns mit einer Gruppe junger Menschen. Rechts gesellt sich die Intendantin der Ruhrtriennale, Barbara Frey, an einen weiteren Tisch. Wir – inmitten der Festivalprominenz.

Ruhrtriennale Tag 2 – Fotos im Museum Folkwang

Der zweite Ruhrtriennale-Tag soll eigentlich in der Innenstadt mit „Absorption“ von Asad Raza starten, doch habe ich die Installation aus Erde bereits innerhalb der Ausstellung „Down to Earth“ im Gropius Bau 2020 gesehen. Also geht es direkt ins Museum Folkwang, zunächst in die Fotoausstellung „The Fall“.

Tobias Zielony dokumentiert in seinen Fotos Jugendkulturen, Subkulturen und einfach nur wahnsinnig spannende Menschen – Bilder also, die abermals persönliche Geschichten erzählen! Die Werkschau ist nach 20 Jahren künstlerischen Schaffens die erste Überblicksausstellung des 1973 in Wuppertal geborenen Fotografen und Videokünstlers. Für die Ruhrtriennale ist eine Installation entstanden, die denselben Titel trägt wie die Schau selbst: Für „The Fall“ 2021 reiht der Fotograf Bild an Bild und baut so ein sich permanent überschreibendes Archiv auf. Was im physischen Raum als phänomenale Hängung präsentiert wird, kommentiert heutige fotografische Produktions- und Distributionswege – siehe man nur Instagram, wo nicht nur Zielony seine Followerschaft am Kunstschaffen teilhaben lässt. Bei dem Werk im Folkwang werden erstmals Arbeiten aus verschiedenen Kontexten zusammengetragen, darunter auch Bilder aus dem Ruhrgebiet, die innerhalb der Ruhrtriennale entstanden sind.

Der Lebens-Groove

Für 16 Uhr haben wir ein Ticket zur Performance „ The Life Work“, welche innerhalb der Ruhrtriennale sowie der Ausstellung „Global Groove“ stattfindet. Die Choreografin Mette Ingvartsen lässt in der Performance vier ältere Japanerinnen zu Wort kommen. Sie erzählen Geschichten über ihre Ankunft in Deutschland, Hiroshima, Corona, Pflanzen, das japanische Bad und das Tanzen. Es sind – ihr ahnt es – abermals sehr persönliche Geschichten.

Das Foto zeigt Frauke bei der Performance innerhalb der Ausstellung „Global Groove“ im Museum Folkwang bei der Ruhrtriennale
Plätze sind gesichert für die Performance innerhalb der Ausstellung „Global Groove“

Den Stimmen lauschen die Zuschauer*innen über Aufnahmen. Parallel stehen die vier Frauen immer wieder andächtig auf und bewegen sich grazil über die Fläche. Sie ordnen innerhalb des fragilen und verspielten Bühnenbildes Steine an oder malen Muster mit schwarzen Kügelchen auf bunt erleuchtete Platten, die den Raum in eine stille und wechselnde Farbigkeit tauchen. Zwischen Themenblöcken singen die Damen gemeinsam ein japanisches Lied. Die Komposition strahlt eine verzaubernde Leichtigkeit aus. Um den Stories zu folgen, muss man sich zwar konzentrieren, doch insgesamt wirkt das Stück sehr meditativ. Mental gereinigt, aber hungrig, verlassen wir die Ausstellung über Tanz sowie das Museum.

Göttliches Essen in Essen-Rüttenscheid

Unweit vom Folkwang Museum befindet sich ein Restaurant, das nach dem griechischen Hirtengott Pan (der mit der Panflöte) benannt ist: PAN’s Bebop. In der amerikanisch angehauchten Karte gibt es (fast) alle Gerichte in den Varianten fleischig, vegetarisch oder vegan.

Die Kreationen werden in liebevoller Handarbeit ohne Zusatz- und Konservierungsstoffe hergestellt, wobei die Zutaten überwiegend saisonal und regional sind. Highlight ist nicht nur der megaleckere Hotdog, sondern auch die detailreiche und liebevolle Einrichtung des Restaurants! Im Wohnzimmer bei Großmutti in den 20ern kann man sich zurücklehnen und sein „Soulfood“ genießen. Auch der Service ist erstklassig – super nett, geduldig und hilfsbereit. Selten habe ich mich in einem Lokal so wohl gefühlt wie hier!

Das Foto zeigt Frauke im PAN’s Bebop in Essen Rüttenscheid
Sieht nicht nur toll aus, sondern schmeckt auch hervorragend!

PACT der Rebellion

Die letzte Station „unserer“ Ruhrtriennale ist PACT Zollverein. In der ehemaligen Waschkaue der Zeche Zollverein haben sich früher 3.000 Bergmänner die Kohle vom Leib geduscht; heute tanzen sich hier zahlreiche Künstler*innen die Seele aus dem Leib.

Das Foto zeigt Frauke vorm PACT Zollverein bei der Ruhrtriennale
Nächste Station: PACT Zollverein

Bevor es in die Vorstellung von „Danza y Frontera/ Tanz und Grenze – Endangered Human Movements Vol. IV“ geht, genießen wir ein Glas Weißwein und mischen uns unter die Kulturleute. Die Kulisse ist perfekt: Lichterketten, Glasfront, Industriecharme. Dann geht es durch das trendige Foyer mit Retro-Sofas über den Flur mit Seifenkulen in den Vorstellungsraum.

Das Foto zeigt Frauke im PACT Zollverein bei der Ruhrtriennale
: Bevor es zur Tanzvorstellung geht, wird ein Glas Weißwein genossen – so gehört sich das in der Theaterwelt.

Vorhang auf!

Die Inszenierung beginnt mit einer Projektion, welche in einer sich verändernden Collage verschiedene Herrschaftskonstellationen zeigt. Psychodelische Klänge begleiten die Show. Dann wird der Vorhang gehoben und auf einer sandigen Oberfläche bewegen sich mehrere Tänzer*innen von hinten nach vorne zu vibrierenden Beats. Es begegnen einem Sporttrikots, lange Zungen, Gottheiten und nackte Haut – eine Mischung aus Moderne und archaischen Symbolen. Der Rhythmus und die Moves drücken vor allem eines aus: Wut! Ein Sprechabschnitt geht auf die Historie ein und es wird klar: getanzt wird gegen eine rassistische und koloniale Weltsicht, die unter der spanischen Krone aus früheren Eroberungszügen ihren Anfang genommen hat. Danach ein Trommelhall, mit dem man wieder voll und ganz da ist! Zu der lauten Akustik wird nun in gemeinsamen Formationen rebelliert – gegen die Geschichte, das System, die Ungerechtigkeit:

Geschichte trifft Geschichten

Das Stück der Choreografin Amanda Piña ist von einem Tanz aus der Region um Matamoros im Bundesstaat Tamaulipas – dem Grenzgebiet zwischen Mexiko und den USA – inspiriert, welcher noch heute im Kontext extremer Gewalt, Drogenhandel und neoliberaler Ausbeutung aufgeführt wird. Wie jedes Aufbegehren gegen das System ist auch dieses Stück von repetitiven Momenten geprägt; die Rebellion kämpft zäh gegen unsichtbare Mächte, findet seinen lauten Ausdruck, doch der wirkliche Systemsturz ist noch nicht geschafft. Auf der Bühne entsteht eine Form des Erinnerns, die sich selbst zeugt und gebiert; Geschichte trifft Geschichten, die sich hier nicht auf zweidimensionalen Bildschirmen präsentieren, sondern in Fleisch und Bewegung übergehen! Die 85 Minuten vergehen unglaublich schnell und unisono sagen meine Freundin und ich: Message received!

Das Foto zeigt Frauke bei der Ruhrtriennale 2021
Tour completed. Eine schöne Sammlung an Tickets und dank der RuhrKultur.Card ist alles günstiger gewesen

Die Ruhrtriennale 2021

Die Ruhrtriennale 2021 hat auf alle Fälle ein tolles Programm, von dem wir leider nur einen Bruchteil mitnehmen konnten – unter anderem angesichts der hohen Nachfrage an Tickets. Aber was wir gesehen haben, hat uns absolut überzeugt! Das Festival im Ruhrgebiet – welches auch zu den RuhrBühnen gehört und mit der RuhrKultur.Card vergünstigte Tickets bietet – hat ein besonderes Flair und ist allein dadurch einzigartig, dass Kultur an ehemaligen Industrieorten stattfindet. Toll ist eben auch die Mischung aus Kunst, Performance, Schauspiel, Tanz, Konzerten verschiedener Musikrichtungen und vielem mehr! So kann jede*r nach Gusto auswählen. Und ich dachte nicht, dass meine Auswahl inhaltlich so stimmig sein würde.

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