von Sarah Bauer | 9. Oktober 2020 | KATEGORIEN Industriekultur | 0 Kommentare

Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Das klingt so nach grauen Betonklötzen am Rande der Großstadt. Und überhaupt: Arbeit – wieso sollte ich mir so etwas in der Freizeit ansehen? Ich mache mich trotzdem auf den Weg und stehe auf einmal mitten in leuchtend roten Märchenstraßen, zwischen schneeweißen Arkaden und vor Jahrhunderte altem Fachwerk. Schnell ist klar: Zechensiedlungen im Ruhrgebiet – das ist ein Geheimtipp für alle, die Architektur, urbane Entdeckungen und Fotografie lieben. Hier stelle ich euch meine drei Lieblingssiedlungen vor!

Das Bild zeigt die Zechensiedlung Teutoburgia in Herne
Einheitliche Individualität mit liebevollen Details – Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet

Was sind eigentlich Zechensiedlungen?

Könnt ihr euch vorstellen, mit all euren Arbeitskollegen in einer Siedlung zu wohnen? Was heute komisch klingt, war im 19. und 20. Jahrhundert eine herausragende Erfindung, um den Bergleuten im Ruhrgebiet mit ihren Familien eine bezahlbare Wohnung zu bieten, die nicht weit entfernt von der Arbeitsstelle lag. Erstaunlicherweise ging es den Architekten dabei aber nicht nur um praktische und billige Wohnblöcke, sondern auch um Ästhetik und Kunst. Und so sind bis heute stilvolle, farbenfrohe und individuelle Arbeitersiedlungen erhalten, die von den Bewohnern liebevoll gepflegt werden. In manchen leben immer noch die Familien ehemaliger Bergleute. Im gesamten Ruhrgebiet findet ihr rund 15 Zechensiedlungen, in denen ihr jederzeit ohne Eintritt herumstreifen könnt.

#1 Die Zechensiedlung Teutoburgia in Herne

Rot und weiß gestreift leuchten die Fassaden der Häuser zwischen der Allee mit den knorrigen Bäumen. Die Siedlung Teutoburgia in Herne gehört zu den schönsten Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet. Gleich zu Beginn sehe ich eine weiß gestrichene Lore –  ein kleines Schienenfahrzeug aus dem Bergbau –  das mit bunten Stiefmütterchen bepflanzt ist. Um die Ecke herum stehen violette Gießkannen und in einem Fenster mit grünen Läden liegt die Figur einer Katze. Es ist, als wäre ich mitten in einer Zwergensiedlung. Urig, bunt und mit unendlich vielen Details dekoriert.

Auf den ersten Blick scheinen alle Häuser gleich auszusehen. Doch dann finde ich überall verschiedene Dachformen, versteckte runde Fenster und Erker. Dahinter steckt pure Absicht. Baumeister Otto Bernd wollte nämlich eine Stadt erschaffen, die zwar einheitlich wirkt, aber trotzdem am Ende 21 verschiedene Haustypen zeigt. Und genau das macht den Streifzug durch die Straßen so interessant.

Wenn ihr in den Norden der Siedlung Teutoburgia wandert, findet ihr hinter Bäumen verborgen in einem kleinen Park das beeindruckende Fördergerüst der Zeche Teutoburgia I / II, wo einst die Bergleute gearbeitet haben. Überhaupt: Der kleine Park ist mehr als eine Grünfläche mit Bänken, denn hier gibt es einige Kunstwerke im öffentlichen Raum. Besonders interessant sind die Klangpodeste von Frank Niehusmann, aus denen ganze leise sphärische Töne entweichen, wenn ihr euch darauf setzt oder stellt.

#2 Die Arbeitersiedlung Margarethenhöhe in Essen

Als ich an der Arbeitersiedlung Margarethenhöhe parke, muss ich erst einmal auf mein Navi schauen, um sicherzugehen, dass ich wirklich in einer Arbeitersiedlung und nicht in einem eleganten, englischen Gartenviertel gelandet bin. Weinlaub rankt an den hellgrauen Wänden empor, umrahmt die weißen Fenster mit verschlungenen Ästen und bedeckt ganze Fassaden. Zwischen Bogenfenstern, verschnörkelten Metallbänken und blühenden Bäumen gelange ich schließlich zum Marktplatz. Er ist das Herzstück der Siedlung und gesäumt von weißen Arkaden und Laubengängen. In der Mitte blubbert ein steinerner Springbrunnen. Alles hier ist pittoresk, gepflegt und fühlt sich an wie eine Zeitreise an den Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Arbeitersiedlung Margarethenhöhe ist eine sogenannte Gartenstadt und diente als Wohngebäude für Angestellte der Krupp-Werke und Beamte der Stadt. Der Begriff „Gartenstadt“ stammt dabei ursprünglich aus Großbritannien und wird heute oft für begrünte Städte verwendet. Gebaut wurde die Margarethenhöhe zwischen 1909 und 1935. Architekt Georg von Metzendorf wollte bei der Planung ein Sparfuchs sein und verwendete die gleichen Bauelemente für die Häuser immer wieder – allerdings in verschiedenen Kombinationen. So entstand ähnlich wie in der Siedlung Teutoburgia ein einheitliches Stadtbild, doch kein Haus gleicht dem anderen.

Tipp: Im Herbst färbt sich das Weinlaub an den Fassaden dunkelrot und sorgt für eine warme Stimmung. Mitte April blühen viele Kirschbäume und lassen einen Spaziergang noch magischer wirken.

 #3 Die Arbeitersiedlung Lange Riege in Hagen

Auf der Suche nach einer weniger bekannten Siedlung, die nichts mit Kohle und Stahl zutun hat, bin ich auf die Lange Riege in Hagen gestoßen. Man muss allerdings wissen, dass es sich dabei eher um eine Häuserzeile, als um eine große Siedlung handelt. Dennoch: Die 300 Jahre alten schwarz-weißen Fachwerkhäuser entlang des kleinen Platzes stechen sofort malerisch hervor. Beim Anblick der buckeligen Holzbalken entsteht der Eindruck, dass der Architekt ein wenig beschwipst war, doch das verleiht der Langen Riege ihren besonderen Charme. Neben einem Türklopfer in Form eines Löwenkopfes entdecke ich auch ein Fenster im Stil einer bunten Tiffany-Lampe.

Die Lange Riege war einst Wohnraum, aber auch Werkstatt der Eilper Klingenschmiede. Noch bevor es wirklich mit der großen Industrialisierung losging, haben in Hagen bereits Schmiede gearbeitet. Vielleicht habt ihr schon einmal von den weltberühmten Messerklingen aus Solingen gehört. Einige wurden hier in der Langen Riege hergestellt. Die Siedlung gilt bis heute als älteste Arbeitersiedlung in Westfalen. Mich hat bei meinem Besuch besonders der Unterschied zu den vielen Zechensiedlungen im Zentrum des Ruhrgebiets begeistert. Denn das Ruhrgebiet ist so viel mehr als Bergbau und Kohle.

Das Bild zeigt die Zechensiedlung Teutoburgia in Herne
Zechensiedlungen laden zu vielen Ausflügen und Streifzügen quer durchs Ruhrgebiet ein

Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet – mein Fazit

Nach meinen Ausflügen ist eines klar: Die Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet sind alles andere als graue Betonklötze in schmuddeligen Außenbezirken. Sie sind Schätze der Baukunst, urbane Gartenstädte und die ausgewachsene Variante liebevoll gestalteter Schrebergärten. Egal, ob ihr euch für Design begeistert, euch die Geschichte des Ruhrgebiets fasziniert, ihr gern fotografiert oder einfach einen romantischen Spaziergang machen möchtet – jede Siedlung ist eine neue Überraschung. An allen Arbeitersiedlungen findet ihr übrigens schwarze Stehlen mit Informationen und einer Übersichtskarte über alle weiteren Standorte im Ruhrgebiet. Und einen guten Überblick über alle Siedlungen findet ihr auch hier.

 

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Die schönsten Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet!

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Allgemeine Informationen

Teutoburgia-Siedlung
Baarestraße, 44627 Herne

Gartenstadt Margarethenhöhe
Steile Straße, 45149 Essen

Arbeitersiedlung Lange Riege
Riegestraße 6, 58091 Hagen

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