von Dirk / Thema: Erlebnis / am 19. April 2018um9:29

“Tour de Ruhr-Force“ – Mit dem Trethausboot eine Woche „Wunderschön“ auf der Ruhr.

Die Einladung kam unvermittelt, wurde aber bei uns in der Familie sofort freudig aufgenommen: Der WDR und Tamina Kallert fragten an, ob ich mich mit meinen beiden Kindern einer Tretboot-Tour auf der Ruhr anschließen wolle. Wir sollten als eine Art „lokaler Guide“ Tamina und ihren Bruder Julian durch unser Revier begleiten. Und da wir nur wenige hundert Meter Luftlinie von der Ruhr wohnen, sagten wir sofort zu. Aber stromaufwärts? Und in einem Haustretboot? Na, das konnte ja heiter werden!

Wurde es dann auch. Die Woche fing mit sommerlichen Temperaturen und Sonne satt in der Hafenstrasse im Mülheimer Industriehafen an. Hier residiert die „Grüne Flotte“ und verleiht kompakte Hausboote, mit Wohnraum in VW-Bulli-Ausmaßen, Schlafplätzen für vier Erwachsene und einer Chemietoilette. Sogar eine kleine Küche findet der Gourmet auf den knapp sechs Metern. Fortbewegt wird das Ganze allerdings mit Pedalen: am Heck befinden sich zwei Fahrradsättel – ähnlich wie bei Fitnessgeräten im Sportstudio – auf denen man Platz nimmt und dann ordentlich in die Pedale tritt. Ich weiß nicht, wie schwer so ein Boot ist, aber es funktioniert tatsächlich. Es dauert zwar einen Moment, aber Wassermoleküle sind beweglich und sie machen unserem Boot mit dem Namen DESIRE (was wohl eher auf den weiblichen Namen schließen lässt und nicht auf das englische Wort desire …) Platz.

Während Tamina Kallert und ihr Bruder Julian das zweite Boot beziehen, richte ich mich mit meinen beiden Kindern Anais und Philippe und Hund Luis auf „DESIRE“ ein. Da uns unsere Familien-Urlaube in den letzten Jahren zum Kite-Surfen nach Galicien (im VW-Bulli), zum Wanderreiten in die Rocky Mountains und zum Klettern in die Dolomiten geführt haben und wir hartgesottene Camper und Draußen-Schläfer sind, kann uns der Minimal-Ansatz beim Komfort jetzt nicht schocken. Aber die Ruhr hoch trampeln mit diesem Trumm? Na, das kann ja heiter werden!

Start der Tour – Mülheim

Los geht’s also in Mülheim. Auf den ersten Metern gibt’s noch ein bisschen intakte Industrie, aber schnell stellen wir fest, was der Ruhr-Bewohner des südlichen Ruhrgebiets sowieso schon weiß, von Tamina und Julian aber immer wieder mit überraschten Ausrufen quittiert wird: Dat is ja richtich schön hier! Jau! Dat isses. Der namensgebende Fluss hatte nämlich mal an beiden Ufern Industrie, die heute hauptsächlich im romantischen Dornröschenschlaf liegt oder behutsam in Erlebniskultur verwandelt wird. Rauchen tun hier nur noch die Angler am grünen Ufer, und ansonsten ist alles nur Busch, Wald, Wiesen und Felder. Dazwischen dann ein kleiner Yachthafen mitten in der Mülheimer Innenstadt, wo wir für die erste Nacht festmachen und ein gemütliches Abendessen zu uns nehmen. Die Mülheimer Jugend lässt die Frage nach der Wasserqualität der Ruhr an diesem inzwischen richtig heißen Sommertag ziemlich kalt und sie springt zur Abkühlung in die Fluten. Fazit des ersten Tages: Man kann die Boote pedalenderweise fortbewegen und wenn Strömung und Wind mal zu stark werden, hängt ja immer noch ein kleiner Außenbordmotor am Heck und wenn der anspringt, dann legen sich nicht zwei Menschen, sondern fünf Pferde ins Zeug.

Ungewöhnlich Übernachten im Bauwagenhotel

Am nächsten Tag schleusen wir am Mülheimer Wasserbahnhof, in dem meine Frau und ich vor 20 Jahren nach unserer Trauung eine tolle Party mit vielen Freunden gefeiert haben, flussauf. Das Wetter ist augusthaft und „et wird imma schöna“. Mein Highlight auf den kommenden Kilometern ist ein Wikingerboot, voll beladen mit biertrinkenden Vollbärten, die sich an den Riemen ins Zeug legen und flussab Tempo machen – im Gegensatz zu uns, die wir flusaufwärts trampeln. Tamina und ihr Bruder sind übrigens revier-taugliche Reisegefährten und wird überall von den Ruhrbewohnern erkannt und freudig begrüßt. Man sieht also: Auch wenn’s hier wunderschön ist, die Ruhrgebietler gucken regelmäßig, wo es sonst noch wunderschön ist.

Das nächste Highlight ist eine Übernachtung im Bauwagenhotel zwischen Mülheim und Kettwig. Auf einer Campingwiese neben der Ruhr stehen hier schön herausgeputzte ehemalige Bauwagen, deren Innenausstattung bestimmt vielen Frauen gefallen wird: hell, gemütlich und komfortabel. Da braucht’s kein Fünfsterne-Hotel. Auf der Terrasse vorm Bauwagen sitzend, oder – wie wir – am Lagerfeuer grillend, kann man die Seele baumeln lassen.

 

Anstrengende Schleusendurchquerung in Essen

Die nächste Schleuse ist Essen-Kettwig: wunderschöne Altstadt und prächtig strahlende Neubauten am See. Kulinarisch kommt man hier auch auf seine Kosten: Genau wie in Mülheim laden hier überall an den Ruhrufern malerische Terrassen und Biergärten zum Ausruhen ein. Wir müssen uns das aber hart erarbeiten: Kurz vor der Schleuse verengt sich die Ruhr. Es fließt schneller und Gegenwind kommt auf. Eine hitzige Debatte entspannt sich quer über die Ruhr zwischen den Haustretbooten. Weitertrampeln oder die fünf Pferde loslassen? Schließlich legen wir uns alle gemeinsam ins Zeug – und fahren verschwitzt und völlig aus der Puste, aber mit dem sicheren Gefühl, gerade Großes geleistet zu haben, in die Schleusenkammer ein.

Jetzt heißt es für Familie Gion: ab nach Hause! Wir nähern uns Essen-Werden. Tamina will unbedingt noch Straußenküken beim Schlüpfen zusehen und wir spielen noch eine Runde Swin-Golf auf dem Rutherhof. Das ist so ähnlich wie Golf, aber ohne die ganze Feine-Leute-Attitüde, also ganz in Ordnung, auch wenn uns unsere sportlichen Aktivitäten sonst eher mit dem Longboard an den Baldeneysee oder mit dem Seil in den DAV-Klettergarten im Isenberg führen.

Action am Baldeneysee

Die Schleuse hoch in den Baldeneysee hat es in sich: Tamina fixiert ihr Boot mit dem Bootshaken an der Schleusenwand und schon rauscht weiß schäumend das Wasser aus dem See in die Schleusenkammer. Tamina denkt an Rafting und lässt etwas zu viel Raum zwischen Spunt- und Bordwand, woraufhin sich der Bug ihres Bootes in die wild heranstürmenden Fluten wendet. Sie stemmt sich gegen die Bordwand, zieht in wilder Verzweiflung am Haken, schon scheint alles verloren, da schafft es ihr Bruder an den Pedalen mit einer letzten verzweifelten Anstrengung doch noch, den Bug wieder in Richtung Spundwand zu steuern. Boa! Wat ‘ne Nummer! Die Wochenend-Ausflugs-Ruhris auf dem Stauwehr haben’s genossen und Tamina hat mal wieder bewiesen: Sie ist ein echtes Showtalent! War natürlich jetzt etwas übertrieben, aber lustig war’s schon.

Vorbei geht’s am Traumstrand des Seaside Beach in Baldeney, wo gerade die neue Badestelle im See eröffnet wurde, zum Endpunkt unserer wunderschönen Reise, dem Yachtclub Ruhrland Essen in Heisingen. Vorher habe ich aber noch ein kleines Highlight organisiert. Am linken Seeufer (also jetzt flussaufwärts gesehen) steht der alte Förderturm der 1973 stillgelegten Zeche Carl-Funke – Schacht 1. Der gehört Mike Schuh, Essener Kletter-Legende und Betreiber der Boulderhalle Citymonkey in Haarzopf. Mike hat uns eingeladen, mit ihm auf den gefühlt mehrere hundert Meter hohen Förderturm zu klettern. Gesichert mit Kletterseilen und Helmen auf dem Kopf wagen wir den Aufstieg über die alten Stufen und Leitern bis nach ganz oben auf die „Aussichtsplattform“. Der Rundumblick ist grandios: Der Baldeneysee tief unter uns, weiße Segel auf tiefblauem Wasser, die strahlende Villa Hügel rechts von uns – der Blick schweift bis zum Kamillushaus hoch über Heidhausen. Mein Gott: Isset nich schön hia, in unserem Revia?

Tamina greift schon zum Telefon und ich kann sie gerade noch davon abhalten, all ihr Hab und Gut in Freiburg zum Verkauf ins Netz zu stellen, um unverzüglich ins Ruhrgebiet zu ziehen – das war knapp!

Mein Fazit – Ausflug mit dem Tretboothaus auf der Ruhr

Das Fazit unserer wunderschönen Reise durch das Ruhrtal fällt eindeutig aus: Auf der Ruhr reist man schöner als auf der A 40! Es ist hier fast wie im Voralpenland, und woandershin kann man reisen, muss man aber nicht. Meine Kids und ich würden‘s jederzeit wieder machen und mit Tamina und ihrem Bruder Julian sowieso.

In diesem Sinne: Glückauf!

 

Fotos: © Antje Baumgarten

Allgemeine Informationen

Allgemeine Informationen

Noch mehr über die Tour auf der Ruhr gibt es am Sonntag, den 22. April.2018 um 20:15 im WDR!

Oder schon ab Samstag, dem 21. April.2018 ist die Folge ein Jahr lang in der Mediathek des WDR abrufbar unter: https://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/wunderschoen/video-wunderschoen-mit-dem-tret-hausboot-ueber-die-ruhr—von-muelheim-nach-essen-100.html

 



Dirk Gion Ein Artikel von

Dirk Gion (* 1965 in Dortmund) ist ein deutscher Wissenschaftsjournalist, Fernseh-Moderator, Regisseur, Stuntman/Stunt-Koordinator, Extremsportler und Abenteurer. Er produzierte weltweit Fernseh- und Hörfunk-Dokumentationen, unter anderem für ZDF, Arte, WDR, ARD, National Geographic, KiKa, Pro 7, VOX, Kabel 1 und weitere Sender. Bekannt wurde Dirk Gion durch seine Moderation als Action Experte der ARD-Sendungen Kopfball und Experimente am Limit. Im Extremsport- und Extremtechnikbereich stellte Dirk Gion verschiedene Weltrekorde auf.

4 Reaktionen (4 Kommentare)
  • Justus Meigen schrieb am 13. Juli 2018:

    Tour de Ruhr-Force – ein Ausflug der Lust auf Grünes und Wasser macht. Danke fürs Teilen. Nachdem wir unser eigenes Boot verkauft haben sind wir nun stets auf der Suche nach kleinen Bootsanbietern für Bootsreisen und Bootsausflüge. Dass es so viel Auswahl in Deutschland gibt, das ist sehr erfreulich.

  • Jochen Krug schrieb am 23. April 2018:

    … und ich wusste bis heute nicht, dass man „behauptet“ mit „b“ schreibt……
    Ein schönes Beispiel dafür, dass Fehler halt mal passieren können!! 🙂

    • Gerhard Weitz schrieb am 23. April 2018:

      Jochen,dann wärest du auch verpflichest gewesen,diesen Fehler zu finden!

  • Ralf Meyer schrieb am 22. April 2018:

    Wenn man schon verpflichet ist Gebühren zu zahlen erwarte ich auch schon, dass es sich um eine professionelle Sendung handelt. Ich wusste bis heute nicht, dass Mülheim Mintard mit dem Bauwagenhotel wie in der Sendung behaubtet zu Essen.Kettwig eingemeindet wurde.


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