von Frauke | 10. Februar 2022 | KATEGORIEN Industriekultur, Kultur | 0 Kommentare

Ein smoother Wochenendeinstieg war mein Plan! Ich schließe also gegen 14 Uhr das E-Mail-Postfach, verlasse mit meiner Kollegin Alessandra das Bürogebäude in Oberhausen und wir machen uns gemeinsam auf den Weg zum Gasometer. Die Strecke kenne ich schon von meinen regelmäßigen Spaziergängen zur Haltestelle „Neue Mitte“. Heute geht es für mich aber nicht (direkt) in den Bus, sondern zusammen mit meiner Kollegin Alessandra in die aktuelle Ausstellung im Industriekulturgiganten, „Das zebrechliche Paradies“.

Das Foto zeigt Frauke und Alessandra auf dem Weg zum Gasometer Oberhausen
Alessandra und ich auf dem Weg in den Gasometer Oberhausen

Ab in den Gasometer Oberhausen

Der Gasometer Oberhausen steht schon lange auf meiner Bucket List! Als Wahrzeichen der Stadt, in der ich seit 2 Jahren arbeite, ist er einfach ein „Must see“! Die höchste Ausstellungs- und Veranstaltungshalle Europas ist ein ehemaliger Scheibengasbehälter und gehört zu den Ankerpunkten der Route Industriekultur. Aufgrund aufwändiger Sanierungsarbeiten hatte der Gasometer bis Oktober 2021 geschlossen. Das Warten hat sich aber gelohnt, vor allem weil die RuhrKultur.Card den Gasometer seit 2021 in den Kulturschätzen! Die Ausstellung „Das zerbrechliche Paradies“ widmet sich dem aktuellen Thema der Umwelt, ihrer Entwicklung, Schönheit und dem Einfluss der Menschen auf diese. Vermittelt wird das Ganze über atemberaubende Fotografien und Videos.

Das zerbrechliche Paradies

Im Erdgeschoss sammeln sich unglaublich tolle Naturaufnahmen. Die Ausstellung ist im Uhrzeigersinn angeordnet. Es geht einmal um den Globus; in sowohl tropische wie auch kalte Gebiete, ans Meer und in die Berge. Selbst Naturkatastrophen wie Sandstürme, Vulkanausbrüche und Hurrikans haben etwas Faszinierendes. Ansprechend sind vor allem die Tieraufnahmen: lustige Vögel, ein Bär im Wasser, das Auge eines Wals – alles unmittelbar vor der Kamera. Alessandra erzählt von einem Freund, der solche Aufnahmen macht und dafür stundenlang mit krass langem Objektiv,  gut getarnt auf einer Position ausharrt. In der Ausstellung gibt es sogar die Möglichkeit des VR-Erlebnisses! Das haben wir uns aber nicht gegönnt, denn es wird auch so deutlich: Mutter Erde ist wunderschön.

Der Schrecken der Welt

Im ersten Geschoss dann der Schrecken der Welt: der Mensch. In dem Schön der Natur häuft sich der Plastikmüll, Hochhäuser erobern den Luftraum, Tiere flüchten vor Waldbränden… Mit anderen Worten: Der Mensch zerstört für seinen Luxus. Auch Michael Jacksons „Earth Song“ von 1995 begleitet das Geschehen inklusive Musikvideo in der Ausstellung. Dem gegenüber stehen Blumenwiesen und ein Bildnis der Arche Noah. Informationshintergründe werden durch Statistiken mit CO2-Fußabdrücken, Interviews von Wissenschaftler:innen und Umweltschützer:innen sowie leuchtende Globen verschiedener Darstellungsinhalte gegeben.

Faszinierende Welt(kugel)

Ein weiterer Erdball befindet sich im zweiten Geschoss: Von der Decke hängt eine riesige, sich drehende Weltkugel (20 Meter Durchmesser). Darunter können die Besuchenden auf Sitzsäcken Platz nehmen und dem Geschehen zu psychedelischen Klängen folgen Vom glühenden Erdball über die Eiszeit bis zum heutigen Flug- und Schiffsverkehr – alles hochaufgelöste, bearbeitete Satellitenbilder. In der Atmosphäre sehr beruhigend das Ganze; auf der Bildebene eher beunruhigend, wenn auch faszinierend.

Zum Abschluss geht es dann noch mit dem Fahrstuhl aufs Dach des Gasometers. Von dort aus sieht man nicht nur ganz Oberhausen, sondern auch andere Ruhrgebietsstädte und Wahrzeichen, wie zum Beispiel den Tetraeder. Man wird sich der Historie des Ortes bewusst. Auch das Centro, unser Büro und die LUDWIGGALERIE Schloss Oberhausen leuchten im Stadtbild hervor. Leider ist das Wetter nicht so gut, sonst hätten wir zum Höhenflug wohl auch noch einen Weitblick gehabt.

Tschüss Paradies, Tschüss Gasometer

Der Besuch hat großen Spaß gemacht und die Aufnahmen sind wirklich einzigartig. Man merkt, dass große Fotograf:innen, aber auch namenhafte Förderer wie GEO, NABU und DLR beteiligt sind. Die Ausstellung ist zudem mega gut inszeniert! Die riesigen Fotografien sind auf einem besonderen Material fixiert – auf Verbundmaterial, Alu-Dibond belichtet und hinter Acrylglas kaschiert, wie ich in Erfahrung bringen konnte. In Kombination mit Spot-Ons scheinen sie aus sich selbst heraus zu leuchten und können im Dunkel des Gasometers besonders gut wirken. Doch es ist auch sehr, sehr kalt in dem Industriedenkmal. Warme Schuhe und dicke Jacken sind also sehr zu empfehlen. Ebenso sollte man genügend Zeit mitnehmen! Die zwei Stunden haben uns bei weitem nicht ausgereicht und ich hätte gerne noch etwas mehr Hintergründe erfahren… Beim nächsten Mal!

Theaterabend in Bochum

Danach fahre ich allein nach Bochum und gehe durch das Bermuda3eck zum Theater. Der Bau des Schauspielhauses Bochums stammt aus dem Jahr 1953 und ragt mit seiner offenen Fensterfront wie ein Schiff ins hippe Viertel „Ehrenfeld“. Davor wartet ein bekanntes Gesicht auf mich: meine Kollegin Christin, bei der das Bochumer Kulturhaus Kindheitserinnerungen weckt.

Das Foto zeigt Frauke und Christin im Foyer des Schauspielhauses Bochum
Die Jacken sind abgegeben

Vorhang auf… Oder auch nicht

Nach Jackenabgabe nehmen wir voller Erwartung Platz. Die Schauspieler:innen sitzen schon hinten auf der Bühne und unterhalten sich. Einen Vorhang gibt es nicht; zu sehen gibt es auch nicht viel: schwarzer Bühnenraum, eine Leiter, ein offenes Klavier; das Licht im Zuschauerraum bleibt an. Irgendwann kommt ein Darsteller nach vorne und richtet die ersten Zeilen an uns und dann: Die Tasten des Klaviers bewegen sich wie von Zauberhand und spielen eine zarte Melodie. Sofort sind wir gefangen.

Wir sitzen in „Das neue Leben“, bekannter als „La Vita Nova“ von Dante Alighieri. Es handelt sich um eine autobiografisch geprägte Liebesgeschichte aus unbeantworteter Liebe und tragischem Szenario. Ich hab damals eine Hausarbeit über das Buch schreiben müssen und ich kann dir sagen: Puuuh, zäher Spaß! Hermann Hesse ist dagegen ´ne Komödie! Wäre die Kritik der Bochumer Inszenierung nicht so herausragend ausgefallen, wär ich nie im Leben reingegangen. Im Nachhinein muss ich aber jetzt schon sagen: WOW!

Wir feiern das neue Leben

Es ist unglaublich, was dem Regisseur Christoper Rüping und seinem Team hier gelungen ist! Das Geschehen wird fast ausschließlich erzählt. Kenner:innen sagen jetzt: „Wie im Buch halt auch von Dante Alighieri.“ Ja, aber der Protagonist wird durch vier Schauspieler:innen personifiziert; alle anderen Personen der Handlung kommen auf der Bühne leiblich überhaupt nicht vor. Zu Beginn stellen sich die Anwesenden als Erzähler, Verstand, Herz und Bauch vor. Die Textpassagen teilen sie sich auf und so nimmt die Geschichte ihren Lauf: Dante begegnet in jungen Jahren der engelsgleichen Beatrice und verliebt sich auf den ersten Blick in sie. Von nun an himmelt er sie aus der Ferne an; ein einziges „Hallo“ wird zum Feuerwerk der Gefühle und gleichzeitig einzigem Wortwechsel (Singular!).

Die Pest sucht die Stadt Florenz heim und so wird die Dramaturgie vermeintlich gesteigert. Die Liebe bleibt unerwidert – oder fairerweise muss man sagen: Dante gesteht seine Liebe nie; täuscht sogar das Interesse zu anderen Damen vor und schreibt Sonnet um Sonnet um Sonnet. So zumindest im Original!

Schwere Kost in Zuckerwatte

Auf der Bochumer Bühne werden die Gedichte durch Poplieder wie „All by myself“ oder „Baby One More Time“ ersetzt. Das frischt nicht nur auf, sondern führt auch zu unglaublich komischen Clashs. Überhaupt treten die Darsteller:innen permanent aus der Handlung aus, kommentieren das Gesagte und beweisen in dem dialogischen Schlagabtausch einen ungemeinen Humor! Lachtränen verfangen sich zwischen meinem unteren Augenlied und Maskenrand und das – ich will es nochmal betonen – bei einem Prosawerks des 13. Jahrhunderts! Die wahre Leistung ist allerdings die parallele Interpretation, die der Dialog auf der Bühne mitliefert. Dies geht über die Reinschrift des Buchs hinaus und bleibt ihr doch treu! Doch auch die Handlung geht über das Jugendwerk Dantes hinaus!

Gerade noch im Paradiso, geht‘s ab ins Inferno

Als die junge Angebetete (Achtung großer Spoiler!) stirbt, geht Dante durch die Hölle – wortwörtlich! Dies sind allerdings Szenen, die in „Staffel Zwei“ erscheinen: „Die Göttliche Komödie (La Divina Comedia)“. Das minimalistische Bühnenbild mit einer Art Zielscheibe am Boden verbildlicht die Kreise der Unterwelt (vgl. „Dantes Inferno“ oder Tom Hanks Erläuterungen in der Filmreihe nach Dan Brown). Über den Ringen schwingt ein Lampen-Pendel, Gestalten – u.a. eine Raupe – bewegen sich zu ultra-hippen Technobeats. Die Zuschauer:innen wippen zwar mit, müssen sich jedoch sehr gedulden – der Höllentrip ist lang! Aber dann wird es super spannend (Cliffhanger;))!

Kultur (Frei)Tag im Ruhrgebiet

Der Einstieg ins Wochenende nimmt seinen Ausklang in der Oval Office Bar. Diese hat nichts mit dem Büro des US-Präsidenten zu tun, sondern viel mehr mit der Bochumer Szene. Eine hippe Location auf Spendenbasis mit Bücherregal und Discolight. Die Bar direkt unter dem Schauspielhaus gibt vor allem der LGBTQIA+ Community eine Bühne – wortörtlich – mit tollem Programm.

Hier lassen wir den Tag bei einem Getränk Revue passieren. Das Fazit fällt rundum positiv aus! Alles von Oberhausen bis Bochum, vom Paradies bis ins Inferno hat mega viel Spaß gemacht. Man könnte auch sagen (wenn das jetzt nicht zu viel der Wortspiele ist): „We were on fire“! 🙂

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Kultur (Frei)Tag in Oberhausen und Bochum

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