von Franka / Thema: Industriekultur, Rad / am 16. Oktober 2018um13:26

Auf Drahteseln durchs Ruhrgebiet – Rasant unterwegs im radrevier.ruhr

Um ehrlich zu sein hatte ich ziemliche Sorge, dass wir unsere für Anfang Oktober geplante Fahrradtour im Regencape und mit einigen Litern heißem Tee im Gepäck bestreiten müssten. Täglich checkte ich schon Tage vorher den Wetterbericht und siehe da, wider Erwarten wandelte sich die Vorhersage für unseren geplanten Fahrradtour-Samstag von Gewitter zu strahlendem Sonnenschein. Die Prognose hielt glücklicherweise auch wirklich, was sie versprach und so konnten wir unsere Tour hochmotiviert und mit leichtem Gepäck starten. Hier erzähle ich euch von meiner Radtour durchs radrevier.ruhr.

Die perfekte Strecke für eine Tagestour durchs Ruhrgebiet

Die Strecke für unsere Tagestour sollte uns an einigen Höhepunkten der Industriekultur vorbeiführen, nicht allzu viel Stadtverkehr beinhalten und einen guten ersten Eindruck für die Erkundung des Ruhrgebiets per Rad vermitteln. Unsere Ansprüche schienen für das Team von radrevier.ruhr keine große Herausforderung darzustellen – im Nullkommanix wurde die perfekte Strecke für unsere Bedürfnisse zusammengestellt. Als wir auf rund 50 Kilometern die Ruhrgebietsstädte Gelsenkirchen, Bottrop, Oberhausen und Essen durchradelt sind, wurden all unsere Wünsche erfüllt. Durch einige kleinere Abstecher haben wir die unten stehende Strecke ein wenig ausgeweitet, weswegen aus den angegebenen 41,1 knappe 50 Kilometer wurden.

Die richtige Ausrüstung

Wenn man mich fragt, würde ich mich schon als sportlich beschreiben, allerdings zählt der Radsport bisher eher weniger zu meinen Disziplinen. Zwar radele ich recht viel mit meinem Hollandrad
durch Düsseldorf, aber das sind meist Strecken von weniger als 30 Minuten Dauer. Deshalb entschieden meine Begleitung und ich uns dazu, auf das Angebot von RevierRad zurückkzugreifen und uns für unsere Tagestour zwei hochwertige Trekkingräder auszuleihen. Als Proviant haben wir ausreichend Wasser, ein paar Kniften (= Butterbrote; für diejenigen, die dem Ruhrpott-Deutsch nicht mächtig sind) und Obst eingepackt. Außerdem noch Taschentücher, Sonnenschutz, unsere Smartphones samt Komoot-App für die Navigation und eine Kamera, um die wunderschönen Industriekulissen bei goldenem Oktoberlicht auch festhalten zu können. Was wir nicht dabei hatten, uns aber gewünscht hätten, ist eine Halterung für unsere Handys, um unterwegs etwas unkomplizierter ein Auge auf die Navigation werfen zu können.

Erster Halt: Nordsternpark Gelsenkirchen

Unsere Leihräder schnappen wir uns in Essen an der Zeche Zollverein. Hier konnten wir problemlos und vor allem kostenlos parken. Das UNESCO-Welterbe Zollverein selbst halten wir uns bis zum Schluss als Highlight der Tour auf und machen uns direkt auf den Weg in Richtung Gelsenkirchen.

Bei strahlendem Sonnenschein geht es bereits kurz hinter dem Gelände Zollverein auf kleinen Wegen durch ein Wäldchen, vorbei an der Mini-Halde Zollverein 4/11, bis hin zum Rhein-Herne-Kanal. Diesen überqueren wir und fahren nun parallel am Wasser entlang bis wir den roten Förderturm der Zeche Nordstern erblicken können.

Wenig später erreichen wir das ehemalige Zechenareal und den Nordsternpark. Das Gelände wurde vor mittlerweile knapp 20 Jahren zu einem wunderschönen Landschaftspark umgestaltet. Heute gibt es hier einiges zu entdecken. Durch die historischen Gebäude und einen Besucherstollen kann man einen Einblick in die Zeiten des Bergbaus vor Ort gewinnen. Außerdem gibt es auf dem Nordsterngelände einen Erlebnisbauernhof, einen Klettergarten und das Restaurant Heiner’s. Im Sommer sitzt man bei Heiner’s im Biergarten und im Winter in einer gemütlichen Berghütte. Eigentlich der perfekte Ort für eine Pause, aber wir entscheiden uns dazu, erst einmal weiter zu radeln und unsere Starteuphorie in Beinkraft umzuwandeln.

Das Bild zeigt eine Brücke im Nordsternpark

Schönste frühherbstliche Stimmung im Nordsternpark!

Auf den Spuren der Industriegeschichte in Bottrop

In entgegengesetzter Richtung geht es entlang der Emscher weiter. Nach einiger Zeit fällt uns auf, dass sich die Häuser um uns herum verdächtig ähneln. Ein kurzer Blick auf die Karte und der Verdacht bestätigt sich. Wir befinden uns in einer ehemaligen Arbeitersiedlung. Hier wohnten bis zur Schließung im Jahre 1931 die Arbeiter der Zeche Vereinigte Welheim. Akkurat gruppiert stehen die Häusergruppen beieinander, lediglich getrennt durch Grünflächen und schmale, wenig befahrene Straßen. Hier scheint die Welt noch in Ordnung und man hat das Gefühl, sich im idyllischen Vorort einer Kleinstadt zu befinden. Ohne unsere Komoot-App würden wir wahrscheinlich heute noch versuchen, wieder den Weg hinaus zu finden.

Da sich die Landmarke „Tetraeder“ auf der Halde Beckstraße bei meinem letzten Besuch leider kaum vom grauen Himmel abgesetzt hat, stand fest, dass wir unbedingt hinauffahren müssen. Nach wenigen Metern bin ich mir nicht mehr sicher, ob wir nicht doch hätten die Fahrräder unten abschließen und die Treppe zu Fuß nehmen sollen. Aber die Entscheidung ist gefallen und wir trampeln kräftig in die Pedale, um gemeinsam mit unseren Drahteseln die serpentinenartige Straße zu bewältigen und das Gipfelplateau zu erreichen. Mit ordentlich beschleunigtem Puls kommen wir oben an und es hat sich gelohnt. Dieses Mal macht die stählerne, 50 Meter hohe Landmarke in Form einer Pyramide um einiges mehr her. Bei klarem Wetter kann man nicht nur die umliegenden Halden erkennen, sondern sogar bis in meine Heimat nach Düsseldorf schauen.

Gemeinsam mit der benachbarten Halde Prosperstraße, auf der sich die Indoor-Skihalle des Alpincenters Bottrop befindet, wurde die Tetraeder-Halde von der nahegelegenen Zeche Prosper-Haniel aufgeschüttet. Bei der Zeche handelt es sich um das letzte im Ruhrgebiet aktive Bergwerk und auch hier ist Ende des Jahres buchstäblich Schicht im Schacht. 2018 endet der Steinkohle-Bergbau in Deutschland komplett und mit ihm gehen mehr als 200 Jahre Industriegeschichte zu Ende. Wenn man sich das alles vor Augen führt, erlangen die einzelnen Stationen unserer Fahrradtour ein klein wenig Zeitreise-Charakter.

Weiter nach Oberhausen

Wir verlassen Bottrop und bringen die wenigen Meter im Stadtverkehr schnell hinter uns. Zurück im wunderschönen frühherbstlichen Grün befinden wir uns jetzt in Oberhausen und erreichen schon bald eine kleine Wasserburg. Inmitten einer kleinen Grünanlage steht hier die Burg Vondern, in der gefeiert und geheiratet werden kann. Wir entscheiden uns für eine kleine Pause auf einer Bank in ummittelbarer Nähe zur Burg.

Zurück auf dem Sattel, überqueren wir erneut zuerst die Emscher und dann den Rhein-Herne-Kanal. Von der kleinen Fußgängerbrücke aus haben wir die perfekte Aussicht auf den Gasometer und den wohl bekanntesten Strommast im Ruhrgebiet, den sogenannten Zauberlehrling. Eine Stahlfigur, die zwar gefertigt ist wie ein herkömmlicher Strommast, allerdings im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe tanzt. Seiner ursprünglichen Funktion entzogen, steht er frei und tanzend auf einer grünen Wiese und erinnert somit an den Geist aus Goethes „Zauberlehrling“, der sich dem Gehorsam des Lehrlings entzieht. Von hier aus lohnt sich ein Abstecher zum Gasometer in Oberhausen. Dort gibt es einen Klettergarten, eine wunderschöne Aussicht vom Dach und wechselnde spannende Ausstellungen. Ich war erst vor wenigen Wochen dort, um mir die aktuelle Ausstellung „Der Berg ruft“ über die faszinierenden Bergwelten unserer Erde anzusehen, weshalb wir heute auf einen Besuch verzichten.

Zollverein ruft – Zurück nach Essen

Nun folgt der wohl schönste Teil unserer Strecke. Vorbei an Bauernhöfen, Weiden, durch Parks und Wälder hindurch führt uns unsere Strecke allmählich zurück in Richtung Essen. Schon bald befinden wir uns auf dem RS1, dem 101 Kilometer langen Schnellweg, der zwischen den Städten Hamm und Duisburg durch das Ruhrgebiet verlaufen wird. Ich sag euch, es gibt nichts besseres für Radfahrer. Es gibt keine Autos, man ist umgeben von Natur, der Bodenbelag ist radfreundlich und man kommt in Windeseile von A nach B.

Das Bild zeigt den RS1-Radschnellweg Ruhr

Der RS1 umsäumt von herbstlich gefärbten Bäumen!

So macht Fahrradfahren Spaß. Wir sind uns einig, dass es Zeit für die nächste Pause wird und somit halten wir kurzerhand bei der Radmosphäre. Eröffnet von einem waschechten Radfan, heißt das direkt am RS1 in Essen Altendorf liegende Café seit mittlerweile über einem Jahr unzählige Radfahrer willkommen und sorgt für ihr leibliches Wohl.

Das Bild zeigt Getränke und Kuchen

Unsere Stärkung im Café Radmosphäre!

Gestärkt sind wir nun bereit für die letzten Kilometer unserer Tour. Die Route schlängelt sich durch den Krupp-Park und Teile der Essener Innenstadt. So langsam melden sich immer mehr Körperpartien zu Wort. Meine Oberschenkel, mein Po und irgendwie auch der Rest haben trotz Stärkung allmählich genug von der ungewohnten Anstrengung und ich bin froh, schon bald die ersten Teile des bekannten Geländes der Zeche Zollverein zu erblicken.

Bevor wir unsere Räder zur Radstation zurückbringen, erkunden wir ausgiebig das UNESCO-Welterbe Zollverein. Nicht umsonst auch bekannt als die „schönste Zeche der Welt“. Erst jetzt mit dem Fahrrad wird mir bewusst, wie riesig das Gelände eigentlich ist und wie vielseitig die Freizeitmöglichkeiten sind, die man dort vorfindet. Hier lassen sich wirklich Stunden verbringen. Im Ruhr Museum, im Portal der Industriekultur oder auf dem Denkmalpfad Zollverein kann man beispielsweise ausgiebig der Kulturgeschichte des Ruhrgebiets auf die Spur gehen. Modernes Design kann man im red dot design museum entdecken. Im Sommer kann man schwimmen, im Winter eislaufen und das ganze Jahr über stellt das gesamte Areal eine hervorragende Fotokulisse dar. Auch heute sehen und schaffen wir nur einen Bruchteil von dem, was wir hier gerne noch entdecken würden und kommen deshalb definitiv bald wieder.

Das Bild zeigt den Doppelbock des UNESCO-Welterbes Zollverein

Wir kommen wieder!

Fazit: Unsere Tagestour mit dem Rad durchs radrevier.ruhr

Unsere Tour mit dem Rad durch das radrevier.ruhr hat sich auf jeden Fall gelohnt. An nur einem Tag haben wir vier verschiedene Städte durchradelt, waren dabei größtenteils fernab von viel befahrenen Straßen unterwegs und sind wie gewünscht einzigartigen Industriedenkmälern begegnet. Die ursprüngliche Zeitangabe für die Strecke lautete 2 Stunden und 37 Minuten. Dies erscheint mir doch etwas zu ambitioniert für Hobby-Radfahrer. Vielleicht haben wir aber auch zu sehr getrödelt. Oder zu ausgiebig das Wetter genossen, welches sich an diesem Herbstsamstag von seiner allerschönsten Seite zeigte. Trotzdem würde ich definitiv empfehlen, einen ganzen Tag einzuplanen, um ausreichend Zeit für Pausen, die einzelnen Sehenswürdigkeiten und zum Trödeln zu haben.


Franka Vollrath Ein Artikel von

Hallo! Ich heiße Franka, bin ein detailverliebter Freigeist und eine reiselustige Kaffeeliebhaberin. Außerdem mag ich Abenteuer in der Natur - am liebsten mit Hund Eddy an meiner Seite - und entdecke gerne die schönsten Viertel in den verschiedensten Städten. Was ich so erlebe teile ich seit einigen Jahren auf meinem Blog detailidee. Meine Heimat ist das schöne Rheinland und somit befinde ich mich in der glücklichen Situation direkter Nachbar des Ruhrgebiets zu sein, was ich zukünftig zweifellos noch mehr ausnutzen werde.

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