von Jochen | 8. Dezember 2021 | KATEGORIEN Anne frischen Luft, Echt fotogen, Industriekultur | 3 Kommentare

Eine Radtour im Dunkeln ist immer etwas ganz Besonderes. Ich rede dabei nicht vom täglichen Pendeln zur Arbeit, sondern meine eine echte Freizeittour, eine Entdeckungstour zu den Sehenswürdigkeiten im Ruhrgebiet, nur halt nachts. Die Wintermonate bieten sich dafür ganz besonders an, weil die Zeit tagsüber meistens eh knapp wird und gerade die von extra viel Lichtern erleuchtete Adventszeit einfach nur wundervoll für eine Erlebnisreise durch die Nacht ist. Ok, man verlässt auch ganz bestimmt die ach so beliebte Komfortzone aber genau dadurch wird ein Nightride auch immer zu einem kleinen Micro-Abenteuer, das ganz besonders tief in den Erinnerungen und der Seele hängen bleiben wird.

Das Foto zeigt einen Radfahrer bei einem Nightride durchs Ruhrgebiet auf dem Gelände der Zeche Zollverein
Ein Nightride vorbei an Industriedenkmälern ist immer etwas ganz Besonderes

Industriekultur bei Nacht

Heute nehme ich Euch mit auf eine Art „Klassiker“, nur halt durch die Dunkelheit völlig neu interpretiert. Irgendwie dreht sich zumindest jetzt gerade die gesamte Tour um eine gewaltige Fackel, die derzeit auf dem Gelände der Kokerei Prosper die Nacht erhält. Mit dem UNESCO-Welterbe Zollverein, der Schurenbachhalde, dem Nordsternpark, der Arbeitersiedlung Welheim, dem Tetraeder und der Zeche Carl liegen einige Sahnestücke der Industriekultur auf dieser Strecke.

Mein Fazit vorne weg: Dieser Nightride war mal wieder gewaltig! Für Fotografen besonders, aber auch für Abenteurer, die bei frostigen zwei Grad in der Nacht die Lichter unserer Stadt per Rad erfahren wollen.

Der Nightride startet auf Zollverein

Die Tour startet direkt auf dem Gelände der Zeche Zollverein in Essen. Ich bin mal wieder mit Pascal unterwegs, der den Nightride nutzen möchte, um mit seiner Kamera auf die Jagd nach ungewöhnlichen Fotomotiven zu gehen. Ich selber schleppe keine schwere Fotoausrüstung mit, denn moderne Handys bieten überraschend gute Nachtmodi, mit denen die Bilder vielleicht nicht ganz so außergewöhnlich gut werden wie mit Stativ und Kamera, aber dennoch sehr solide Ergebnisse zaubern. Wer also kein teures Fotoequipment hat, sollte dennoch motiviert sein, mal einen Nightride als kleine Fotosafari zu unternehmen. Damit Ihr die Unterschiede zwischen Kamera und Handy für Euch bewerten könnt, habe ich die Fotos mit unseren Namen versehen. Pascals Fotos wurden mit einer aktuellen Systemkamera und Stativ erstellt, meine freihändig mit dem Nachtmodus eines Handys.

Das Bild zeigt Jochen und Pascal vor dem Doppelbock Zollverein
Pascal und ich am Start auf Zollverein (Kamera)

Da wir in der späten Abenddämmerung auf der Schurenbachhalde sein wollen, starten wir die Tour kurz nach 16 Uhr. Der frisch aufgestellte Weihnachtsbaum direkt vor dem Doppelbock sorgt direkt für eine weihnachtliche Stimmung – die kalten Temperaturen im Übrigen auch. Anders als bei unserem ersten Nightride in Duisburg im November letzten Jahres, wird die Tour jetzt in der Adventszeit doch nochmal einen ordentlichen Tacken zapfiger werden.

Das Bild zeigt ein Fahrrad vor dem Knotenpunkt der Schurenbachhalde
Der Knotenpunkt 61 vor der Schurenbachhalde (Foto: Jochen)

Nach dem Pflichtfoto vor dem Doppelbock geht es noch im Hellen am Sanaa-Gebäude vorbei auf den Nordsternweg. Ohne Laub auf den Bäumen öffnen sich spürbar mehr Sichtachsen auf Motive am Wegesrand. Wir treten erstmal ordentlich in die Pedale, bis wir am Knotenpunkt 61 abbiegen und hoch auf die Schurenbachhalde radeln.

Panoramaausblick von der Schurenbachhalde in Essen

Der Aufstieg geht schnell und oben öffnet sich das bekannte Panorama. Die Halde ist ein perfekter Ort als Einstimmung auf die weitere Tour, denn alle Highlights der Radtour sind schon sichtbar. Das Tageslicht verabschiedet sich mit jeder Minute. Die Scheinwerfer, die die Standorte unterschiedlich bunt anstrahlen, gehen an und wir genießen die abendliche Stimmung direkt vor der Bramme.

Das Bild zeigt die Bramme auf der Schurenbachhalde
Die Bramme für das Ruhrgebiet auf der Schurenbachhalde (Foto: Pascal)

Wir blicken ein erstes Mal auf diese gewaltige Fackel von Prosper, die von hier noch gar nicht so groß aussieht, aber später mit jeder Pedalumdrehung wuchtiger werden wird.

Das Bild zeigt den Blick von der Schurenbachhalde
Ruhrpott-Panorama vom Feinsten (Foto: Jochen)

Der Nordsternpark in Gelsenkirchen

Es ist dunkel geworden und vorsichtig fahren wir im Scheinwerferkegel unserer Räder bergab zurück zum Knotenpunkt 61. Es folgt ein kurzes Stück am Rhein-Herne-Kanal, bevor mit der Nordsternbrücke ein erstes Fotohighlight auf uns wartet.

Das Bild zeigt die Nordsternbrücke
Die Nordsternbrücke in Gelsenkirchen (Foto: Pascal)

Über die Emscher nähern wir uns der Zeche Nordstern mit dem großen Herkules auf der Spitze, der aktuell von einem leuchtenden Weihnachtsbaum flankiert wird. Wir radeln durch den dunklen Nordsternpark über einige Brücken und saugen die ungewöhnliche Atmosphäre in der nächtlichen Parkanlage auf. Wie immer bei Nightrides schlummern Fotomotive an jeder Ecke und wir müssen die Uhrzeit gut im Auge halten, denn schnell verliert man sich bei der Suche nach dem perfekten Shot und vergisst, dass ja noch einige Motive und auch etliche kühle Radkilometer vor uns liegen.

Vom Nordsternpark zur Arbeitersiedlung Welheim

Wir verlassen das Gelände des Nordsternparks, lassen den schwarzen Carbonobelisken links liegen und folgen einer kurzen Baustellenumfahrung durch das Stadtgebiet. Auch hier wartet mit einer Seilscheibe, die an die lange Bergbaugeschichte Essens erinnert, ein kleines Überbleibsel der Industriekultur auf uns.

Das Bild zeigt eine Seilschreibe in Essen
Seilschreibe in Essen-Karnap (Foto: Jochen)

Durch die intensiven Bautätigkeiten der Emschergenossenschaft folgt noch eine weitere Umleitung entlang der weniger schönen B 224, bevor wir endlich wieder auf das richtige Knotenpunktnetz stoßen und durch die schöne Arbeitersiedlung Welheim radeln. Fast jedes Haus ist hier – mal mehr, mal weniger – weihnachtlich dekoriert. Besinnliche Weihnachtsstimmung lässt sich für mich bei so einer Radtour viel eher finden, als auf einem überlaufenen Weihnachtsmarkt. So rollen wir entspannt von Lichtgirlande zu Lichtgirlande durch die Siedlung.

Das Bild zeigt die Gartenstadt Welheim
Weihnachtlich-geschmückte Gartenstadt Welheim (Foto: Jochen)

Hin und wieder lodert die besagte Fackel zwischen den Häuserreihen hervor und erzeugt dabei ein fast bedrohlich wirkendes Szenario. Es sieht so aus, als stünde ein ganzer Ortsteil in Flammen. Für die Anwohner sicherlich nicht ganz leicht, für mich als Besucher aber außergewöhnlich beeindruckend.

Die Fackel auf der Kokerei Prosper

Wir verlassen Welheim und fahren durch ein wieder etwas dunkleres Wäldchen bis zum Haldenfuß des alpincenters. Eigentlich wollten wir diese Halde auslassen, doch wir riechen den intensiven, aber kaum beschreibbaren Geruch der Fackel auf der anderen Seite der Halde und sehen immer wieder den Himmel rötlich aufflackern. Wir können einfach nicht anders und müssen da hoch. Also kurz etwas kräftiger in die Pedale treten und als Belohnung Industrieromantik pur erleben. Ja, dass der Ort vor uns nicht unbedingt zu den ökologischen Bestpractise-Beispielen im Ruhrgebiet zählt, ist natürlich klar. Aber der Anblick auf die Kokerei ist schon mehr als beeindruckend – besonders, wenn die Wolke beim Ablöschen des frisch gebackenen Koks im Schein der Fackel fast schon explosionsartig den Nachthimmel erleuchtet.

Das Bild zeigt die Kokerei Prosper
Die Fackel vor der Kokerei Prosper (Foto: Jochen)

Der schwebende Tetraeder

Auf der gegenüberliegenden Seite „schwebt“ der Tetraeder über der Halde an der Beckstraße. Nur die oberen Seiten der Pyramide sind mit Leuchtröhren bestückt, so erhält das Kunstwerk in der Dunkelheit ein wenig den Eindruck, als ob es schweben würde. Von der Halde des alpincenters können „Fotojäger“ mit dem Teleobjektiv tolle Aufnahmen machen. Kurzer Exkurs: Übrigens auch schon während des Sonnenuntergangs, was ich mal 2010 beim Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull auf Island mit extra viel Staubpartikeln in der Luft gemacht habe.

Das Bild zeigt den Tetraeder Bottrop
Auch zum Sonnenuntergang bestens geeignet: der Tetraeder (Foto aus 2010)

Noch schöner wird es natürlich direkt auf der Halde. Über die breite Asphaltpiste können Radler auch bei Dunkelheit leicht auf das Haldenplateau des Tetraeders radeln. Auch hier öffnet sich wieder das ganz breite Ruhrgebietspanorama. Der Zechenturm vor der Halde Haniel fällt uns in der Ferne besonders leuchtend auf, aber auch die blauen Faultürme der Kläranlage an der Emscher wecken die Vorfreude auf die noch ausstehenden Radkilometer. Der 360 Grad Rundumblick auf die Lichter des Ruhrgebiets ist einfach unfassbar schön. In mir erzeugt er auch einen Perspektivwechsel, denn während tagsüber die grüne Natur das Bild klar dominiert, sind es in der Dunkelheit eher die leuchtenden Industrieanlagen, die rein optisch zu dieser Uhrzeit ebenfalls eine wunderbare Schönheit entwickeln.

Das Bild zeigt den Tetraeder Bottrop im Dunkeln
Wenn eine Bank zur Lichtkunst wird… (Foto: Pascal)

Kurzer Exkurs: Woran Ihr bei einem Nightride alles denken solltet

Die Abfahrt wird wieder besonders frisch, daher sollte warme und natürlich gut sichtbare Kleidung obligatorisch sein. Genauso wie dicke Winterstiefel und warme Handschuhe, denn wer friert, wird einen Nightride sicher nicht genießen können. Neben genügend Reflektoren sollte man in der Radtasche auch weitere, sicherheitsrelevante Dinge dabei haben, denn nachts können jegliche Probleme schnell doppelt so groß werden. Neben Wechselklamotten, Reserveschlauch und Werkzeug hatte ich auch ein Reservelampenset fürs Rad dabei. Auch eine Stirnlampe kann sich schnell nützlich machen – ob beim Objektivwechsel oder als kleiner Lichtspot, um ein Motiv etwas zu erhellen.

Der Malakow-Turm Prosper Haniel und die Kläranlage

Wir gelangen zum besonders schicken Zechenturm Prosper, der als Mischung aus einfachem Zechengerüst und gemauertem Malakow-Turm ein besonderes Fotomotiv darstellt. Und erneut wirkt die Dampfwolke der Kokerei im Schein der Fackel fast wie ein gewaltiger Feuerball.

Das Bild zeigt die beleuchtende Faultürme der Kläranlage an der Emscher
Die Faultürme der Kläranlage an der Emscher (Foto: Pascal)

Es geht Schlag auf Schlag, denn schnell erreichen wir die blauen Faultürme der Kläranlage an der Emscher. Für mich ist das ein Paradebeispiel, wie man mit verhältnismäßig wenig Aufwand aus einem an sich nicht wirklich schönen Baukomplex in den Nachtstunden ein fast märchenhaftes Lichtkunstwerk zaubern kann. Wenn dann auch noch ein paar Regenpfützen für schöne Spiegelungen sorgen, ist das Fotografenherz kaum zu bändigen.

Die Schlussetappe: Radeln durch die Nacht

Viele Motive heißt wenig Radeln, daher ist uns ordentlich kalt geworden. Es wird Zeit, nun endlich auch mal etwas Kilometer zu machen. Wir fahren ein Stück Emscher Weg, dann über das Knotenpunktnetz am Rhein-Herne-Kanal entlang, schließlich noch auf der Essener „Stadt Route“ und strampeln uns wieder warm. Wir gleiten durch die Nacht und merken, dass wir nicht die Einzigen sind, die die Nachtstunden für ein außergewöhnliches Raderlebnis nutzen.

Das Bild zeigt Pascal vor der Zeche Carl
Kulinarische Pausenmöglichkeit: das Restaurant Malakow auf der Zeche Carl

Schließlich gelangen wir in Altenessen zur Zeche Carl. Das Restaurant Malakow bietet sich an zum Aufwärmen und Stärken im schönen Ambiente eines historischen Industriedenkmals.

Das UNESCO-Welterbe als Abschluss-Highlight des Nightrides

Mit Blick auf die Uhrzeit zieht es Pascal und mich aber schnell weiter. Ein Sturm zieht spürbar auf und es wird ungemütlicher. Auf einer ehemaligen Bahntrasse radeln wir am Kaiser-Wilhelm-Park vorbei und biegen schließlich ein auf die Zielgerade zurück nach Zollverein. Zu unserer Enttäuschung ist die Kokerei nur wenig beleuchtet, was das Fotografieren etwas erschwert.Dennoch bleiben natürlich genügend Fotomotive auf dem Gelände übrig, an denen sich Fotografen ordentlich austoben können.

Das Bild zeigt das UNESCO-Welterbe Zollverein
UNESCO-Welterbe Zollverein in Essen (Foto: Jochen)

Die orange leuchtende Rolltreppe mit der Kohlenwäsche und dem Doppelbock strahlen wie gewohnt vor dem dunklen Nachthimmel in Essen.

Das Bild zeigt das UNESCO-Welterbe Zollverein bei Nacht
Mit dem Scheinwerfer durch die Nacht auf Zollverein (Foto: Pascal)

Unser Fazit: Ein Nightride ist immer wieder ein tolles Erlebnis

Eine wiedermal außergewöhnliche Radtour liegt hinter uns. Natürlich ist ein Nightride nicht jedermanns Sache, aber ich kann Euch nur empfehlen, mal Eure Komfortzone zu verlassen und auch in dieser Jahreszeit eine Radtour durch die Nacht zu unternehmen. Die Eindrücke sind selbst bei Touren, die man schon zig Mal gefahren ist, völlig anders. Ihr werdet sehen, dass Ihr die Umgebung ganz anders wahrnehmt und lernt bekannte Orte ganz neu kennen. Diese Tour lässt sich natürlich auch wunderbar im Frühjahr oder gar im Sommer erleben. Dann wird die Start-Uhrzeit zwar etwas später, dafür ist es vermutlich deutlich wärmer. Ich wünsche Euch jedenfalls wie immer viel Spaß beim Nachradeln!

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3 Kommentare auf den Beitrag “Nightride Part 2 – Eine nächtliche Radtour im Schein der Fackel

  1. Wer die Tour in diesem Herbst / Winter (2022) fahren möchte, sollte bedenken, dass vermutlich einige Standorte aus gegebenen Anlass leider weniger beleuchtet sein werden. Aktuell wird zum Beispiel das UNESCO-Welterbe Zollverein nicht wie gewohnt mit Licht inszeniert. Ihr solltet in jedem Fall damit rechnen, dass weniger illuminierte Fotomotive am Wegesrand schlummern…

    • Hallo Angelika,
      wenn man die richtigen Perspektiven findet, gibt es auch tagsüber sehr hübsche Blickwinkel 🙂 . Keine Frage, es gibt auch weniger schicke Orte hier bei uns, aber gibt es die nicht überall? Gerade mit dem Rad lassen sich auch tagsüber schon sehr schöne Orte erkunden. Einfach an den „ernüchternden“ Orten die Scheuklappen aufsetzen und schnell durchgaloppieren, dafür dann an den schönen Orten die Region in Ruhe genießen :-).
      Eine schöne Adventszeit,
      Jochen

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