von Rebecca Schirge | 14. April 2022 | KATEGORIEN Erlebnis, Genuss, Kreativ von hier | 1 Kommentar

Gründergeist ist im Revier ausdrücklich erwünscht. Viele der ehemaligen industriellen Produktionsstätten sind bereits zu Creative Hubs geworden – Orten, an denen spannende Ideen und Produkte entstehen. Damit der Wandel zum „Ruhr Valley“ nachhaltig gelingt, braucht es aber vor allem kreative Köpfe; und Menschen die den Mut haben, etwas Neues zu wagen. Einige davon möchte ich dir heute vorstellen.

Urlauben im Tiny House Hotel in Hamm

Sein Faible für Holz wurde Stefan Diekmann (36) in die Wiege gelegt, denn er stammt aus einer Schreiner-Familie. Früher war der Betrieb seines Vaters auf Holzwintergärten spezialisiert, doch für sich selbst suchte Stefan nach einer anderen Nische. Als er vor etwa zehn Jahren eine Sprachreise nach Kanada machte, sah Stefan zum ersten Mal Tiny Houses – sie faszinierten ihn sofort: „Das ist die perfekte Arbeit für einen Schreiner“, erzählt er begeistert. „Hier kann man endlich mal wieder individuell arbeiten, alles ist aus Holz und Standardmöbel passen nicht rein.“

Das Foto zeigt Rebecca mit Stefan Diekmann, dem Betreiber des Pier 9 Tiny House Hotels in Hamm in der Outdoor-Lounge
Mit Stefan Diekmann in der Outdoor-Lounge

Als der Tiny House Trend nach Deutschland schwappte, kam Stefan auf die Idee, eine Art Probewohnen anzubieten. Im Juni 2021 eröffnete der studierte Holzbetriebswirt das Tiny House Hotel Pier 9 in Hamm; auf einem Gelände, das zwar urban, doch gleichzeitig direkt an der Wasserkante des Datteln-Hamm-Kanals liegt. Zehn kleine Holzhäuschen auf Rädern stehen hier mittlerweile, sie alle sind nach Flüssen in NRW benannt.

Von maritim bis urgemütlich: Mini-Häuschen für jeden Geschmack

Ich habe mich bei meiner Ankunft sofort in das grüne Tiny House mit den holzfarbenen Fensterläden verliebt. Glücklicherweise wurde die „Ahse“ gerade gereinigt, und so durfte ich das besonders kleine Häuschen auch von innen besichtigen. Das Design und die Raumaufteilung auf den insgesamt nur 15 m² haben mich überzeugt und sogar die Dusche mit Blick in den Himmel war überraschend komfortabel. Die „Ahse“ als Wochenendhäuschen im Grünen – hach ja, das wär‘s!

Stefans Konzept ist ziemlich clever, denn wer nach dem Übernachten Gefallen an dieser minimalistischen Art des Wohnens gefunden hat, kann sein Traum-Tiny-House direkt bei Stefan Diekmann und seinem Team in Auftrag geben. „Es gibt Leute, die insgesamt zwei Wochen in unserem Hotel buchen, und dann alle zwei Tage umziehen. Sie stellen sich dann ihre Highlights aus den unterschiedlichen Varianten für ihr individuelles Tiny House zusammen.“ Die Couch aus der „Ems“, die Küche aus der „Ruhr“ – Stefan Diekmann und sein Team machen‘s möglich.

Mikroabenteuer lassen sich auch in Hamm erleben

Das Interesse ist riesig. „Viele wünschen sich so ein Tiny House als Zweitwohnsitz“, erzählt er. Ein Großteil der Besucher:innen komme aber, um einfach mal auszuprobieren, wie das Wohnen im Tiny House so ist, erzählt er. Das sei schließlich auch eine tolle Möglichkeit, um Urlaub (in der eigenen Heimat) zu machen und dabei ein spannendes Mikroabenteuer zu erleben. Passend dazu kann man direkt vor der Haustür Stand up Paddling ausprobieren oder Kanu-Touren auf der Lippe machen.

Das Foto zeigt die Feuerstelle des Pier 9 Tiny House Hotels in Hamm
Chilliges Ambiente: Eine Feuerstelle gibt es auch.

Wie so ein ein Kurzurlaub im Tiny House Hotel Pier 9 (und zwei weiteren ungewöhnlichen Unterkünften im Ruhrgebiet) aussehen kann, verrät dir Heike in ihrem Artikel). Du willst „Hamm mal anders“ kennenlernen? Sandra versorgt dich mit besonderen Tipps – von Hindu-Tempel bis Kaffeerösterei.

Geht nicht, gibt’s nicht – Craft Beer von PiepNitz

Schon mal Kürbisweizen, Maracuja Pale oder Rauchweizenbockbier probiert? Wenn nicht, wird’s dringend Zeit für PiepNitz! Die Gründer:innen von Bochums einziger Craft Beer-Brauerei haben sich darauf spezialisiert, besondere Biere aus ausgewählten und seltenen Hopfen- und Malzsorten zu brauen. Und das ist ihnen gelungen, wie ich selbst feststellen durfte.

Zu den neusten Kreationen zählt „Witzig“ – ein Wit-Bier mit fruchtigen Zitrusnoten, gebraut mit Koriander und Orangenschalen. „Abgefahrene Ideen wie diese entstehen zum Beispiel spontan während unseren Deluxe Tastings oder den Brau-Workshops, die wir regelmäßig anbieten“, erzählt mir Alexander Pieper. Gemeinsam mit Alina Gränitz gründete der 32-Jährige PiepNitz 2015 zunächst als Hobby-Brauerei. Aus der Kombination ihrer Nachnamen stammt übrigens auch der ungewöhnliche Name des Projekts. „Alles begann damit, dass Freunde mir damals ein „Brau-dir-dein-eigenes-Bier-Kit“ zum Geburtstag schenkten, doch das, was dabei herauskam, schmeckte einfach scheußlich.“

„Wir wollten die Bierlandschaft im Pott erweitern“

Die Neugier war geweckt: „Das muss doch besser gehen, dachte sich Alexander; und so besorgte er sich einen Stapel Literatur von seinem Onkel, der Braumeister ist. „Ich habe dann immer wieder gebraut und sogar meinen Keller zu einer Brauerei ausgebaut.“ Doch die Location war schnell zu klein, denn das Interesse an dem, was Alex da hobbymäßig tat, wurde immer größer. Und so entschloss er sich, das Ganze professionell anzugehen. Ein neues Gebäude musste her und Verstärkung sowieso.

Das Foto zeigt Stella Golzwarden und Alexander Pieper, die Inhaber der Piepnitz Craft Beer Brauerei in Bochum
Machen Craft Beer aus Leidenschaft: Stella Golzwarden und Alexander Pieper.

Und so stießen noch Stella Golzwarden (33) und Anton Deisel (31) zum Team dazu – beide sind seit bereits seit der Gründung große Fans der Biere. „Unsere Mission ist es, die Bierkultur in Bochum um handwerklich gebraute Bierspezialitäten zu erweitern“, so Stella. Kleine Chargen und ausgewählte Rohstoffe zeichnen die Mikro-Brauerei aus.

Warum in Bochum? Darum!

Ich frage Alexander, warum ausgerechnet Bochum der perfekte Ort für Bier ist? „Früher gab’s hier viele Brauereien. Aber alle haben auf Pils gesetzt. Doch Bier kann so viel mehr sein und mit unserem Craft Beer haben wir eine Marktlücke gefunden. Außerdem ist Bochum einfach ne geile Stadt. Tolle Menschen leben hier und die reden frei nach Schnauze“. Manchmal bekomme er auch Sprüche wie „Was is’n das für ne Plörre hier, kannste nich ma nen Pils machen?!“ zu hören, aber das nehme er mit Humor.

Das Foto zeigt Stella Golzwarden, die Inhaberin der Piepnitz Craft Beer Brauerei in Bochum beim manuellen Verschließen einer Bierflasche
Selbst die Deckel werden manuell verschlossen.

Worauf sich das PiepNitz-Team in diesem Jahr (2022) besonders freut? „Auf das Hopfenfest Bochum und das Festival der Dortmunder Bierkultur“, sagt Stella. Auf keinen Fall verpassen sollte man außerdem die Kulinarische Schnitzeljagd Bochum: „Das ist eine mega Veranstaltung mit toller Atmosphäre, bei der man kleine regionale Läden kennenlernt. Wir sind dort auch vertreten.“

Zukunft: Für die Mini-Brauerei gibt’s große Ziele

„Aber das ist längst nicht alles“, verrät Alex. „Wir möchten, dass unsere Marke in die Gastronomie und in den Handel kommt.“ Um diesen Traum zu verwirklichen, wird allerdings noch finanzielle Hilfe benötigt. Hier gibt es Infos zum Crowdfunding-Projekt!

Heike und Melissa haben weitere Craft-Beer-Brauereien im Ruhrgebiet besucht. Hier erfährst du mehr darüber!

FIVE: Fine Dining ohne „Schnick Schnack“

Von außen könnte man das FIVE fast übersehen, so unauffällig kommt es daher. Auch von innen sucht man schickes Bling Bling vergebens. Die Teppiche sehen aus wie bei „Oma“, das Licht ist schummrig, insgesamt wirkt es ein wenig, als sitze man bei Freunden im Wohnzimmer. Alles so gewollt, denn Understatement wird im FIVE groß geschrieben. „Alle reden immer von diesem einen kleinen gemütlichen Laden, wenn sie im Urlaub waren“ – genau sowas wollten wir auch. Nur halt hier in Bochum“ erzählt Lukas Rüger (52), der gemeinsam mit Seran Bahtijari Geschäftsführer des Restaurants ist.

Auch das Konzept ist besonders, denn im FIVE gibt es nur zwei Menüs und dazu ausgesuchte Getränke. So entstand auch der Name: „Es gibt fünf Gänge mit einer Handvoll bester Zutaten“, sagt Nicolai Menting (29), der gemeinsam mit Tibor Werzl (34) für das leibliche Wohl der Gäste sorgt. Beide sind nicht nur ausgebildete Köche, sondern auch Sommeliers. „Was wir hier machen, ist Fine Dining ohne „Fine“. Also alles ohne Schnick und ohne Schnack und vor allem ohne Papperlapapp,“ ergänzt Lukas.

Einfach so spontan vorbeikommen? Das geht hier nicht

„Die Reduktion auf das Wesentliche ist die Grundidee des Konzeptes. Wir wollen einfach alles weglassen, was nicht wirklich wichtig ist.“ Und das kommt ziemlich gut an: die wenigen Tische sind meist schon zwei Monate im Voraus ausgebucht. Dass man sich vorab online bereits auf eines der Menüs festlegen muss, hat viele Vorteile. „Man kommt im Restaurant an und hat eigentlich schon alles erledigt“, sagt Nicolai, „der entspannte Teil kann also direkt starten“. Der Verschwendung von Lebensmitteln wird so auch vorgebeugt, denn die Köche wissen genau, welche Mengen pro Abend benötigt werden. Das ist mal ein richtig gutes und nachhaltiges Konzept, finde ich.

Was ihm an seinem Job als Koch besonders gefällt, frage ich Nicolai. „Dass wir hier alles so machen können, wie wir wollen. Manchmal sitzen wir bei einem guten Wein und einer Zigarre zusammen und kreieren unsere Menüs. Diese Selbstständigkeit und Freiheit zu haben – das macht einfach Spaß!“

Das Foto zeigt Nicolai Menting im Restaurant FIVE in Bochum
Nicolai legt auf jedes Detail wert.

Bochum hat nicht nur kulinarisch viel zu bieten

Und wo genießt er seine Freizeit, wenn er mal nicht selbst in der Küche steht? „Dann fahre ich gerne mit dem Fahrrad zur Zeche Zollverein oder zu Lukas Kulinarischen Bahnhof am Baldeneysee – das ist ein spektakuläres Ausflugsziel.“ Ein Tipp für eine gute Weinbar darf bei einem Sommelier natürlich auch nicht fehlen: „Da kann ich Zum Grünen Gaul im Ehrenfeld empfehlen, dort geht‘s schön lässig zu.“

Mehr über „Zum Günen Gaul“ und das Szeneviertel Bochum Ehrenfeld erfährst du in Alex Artikel „Kultig, ein wenig schräg und voller Geschichten – 9 tolle Orte im Szeneviertel Bochum Ehrenfeld„.

Kreative Köpfe im Ruhrgebiet – Mein Fazit

Es ist wirklich beeindruckend, was Stefan, Alex, Nicolai & Co. Tolles auf die Beine gestellt haben. Und super sympathisch sind sie noch dazu! Ich würde mich freuen, bald weitere kreative Köpfe im Ruhrgebiet kennenzulernen. Wenn du Tipps hast, lass es mich gerne in den Kommentaren wissen. Weitere tolle Persönlichkeiten mit Erfindergeist lernst Du auch in Ronjas und Verenas Artikeln kennen!


Alle Fotos sind von Lukas Holzmeier für Rebeccas Welt.

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Kreative Köpfe im Ruhrgebiet

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Kreative Köpfe im Ruhrgebiet

Pier 9 Das Tiny House Hotel
Adenauerallee 9
59065 Hamm
www.pier9-hotel.de
www.instagram.com/pier.9tinyhousehotel
www.facebook.com/pierneunhotel

PiepNitz Craft-Bier UG
Wattenscheider Hellweg 145
44867 Bochum
www.piepnitz.de
www.instagram.com/piepnitz_craftbier
www.facebook.com/piepnitz

FIVE
Hellweg 28-30
44787 Bochum
www.five-bochum.de
www.instagram.com/five_bochum
www.facebook.com/five.bochum

Ein Kommentar auf den Beitrag “Kreative Köpfe – Diese Persönlichkeiten im Ruhrgebiet solltest du unbedingt kennen

  1. Das Ruhrgebiet bietet vielfaltige Möglichkeiten. Hier sind die Leute viel lockerer wie im Süden oder im Osten.

    Herzliches miteinander sein gehört hier einfach dazu. Multi Kulti!

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